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Full text of "Versuch einer Genitaltheorie"

Band \Y 



Versuch einer 



Genitaltheorie 



von 



Dr. S. Ferenczi 




Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 



INTERNATIONALE. PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 



I. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen, 
(Diskussion, gehalten auf dem V. Internationalen 
Psychoanalytischen Kongreß in Budapest, 28. und 
29. September 1918.) 1919. 

Inhalt: Einleitung von Prof. SlGM. FREUD. — Dis- 
kussionsbeiträge von Dr. S. FERENCZI (Budapest), Dr. 
KARL ABRAHAM (Berlin) und Dr. ERNST SIMMEI. 
{Berlin). — Dr. ERNEST JONES (London): Die Kriegs- 
neurosen und die Freudsche Theorie. 

IL Dr.S.FERENCZl: Hysterie und Patho-' 
neurosen. 1919. 

Inhalt: Über Pathoneurosen, — Hysterische ^lateriali- 
sationsphänomene. — Erklärungsversuch einiger Jiyster. 
Stigmata. — Technische Schwierigkeiten einer Hysterie- 
analyse. — Die Psychoanalyse eines Falles von \hyster. 
Hypochondrie. — Über zwei Typen der Kriegshysterie. 

IV. Dr. OTTO RANK: Psychoanalytische 
Beiträge zur Mythenforschung. (Aus den 
Jahren igi2 bis 1914..) 21, veränderte Aufl. 1922. 

Inhalt: Vorwort. Mythologie und Psychoanalyse. — 
Die Symbolik. — Völkerpsychologische Parallelen au den 
infantilen Sexualtheorien. — Zur Deutung der Siutflut- 
sage. — Männeken-Piß und Dukaten-Scheißer. — Das 
Brüdermärchcn. — Mythus und Märchen. 

V. Dr. THEODOR RE1K: Probleme der 
Religionspsychologie. I. Teil: Das Ri- 
tual. Mit einer Vorrede von Prof. Dr.'SIGM. 
FREUD. 1919. 

Inhalt: Einleitung. — Die Couvade und die Psycho-, 
genese der Vergeltungsfrucht. — Die Pubertiitsritcn der 
Wilden. — hohüdre (Stimme desGelübdes). — Das Schofar 
(Das Widderhom). ' 

Vl.Dr.GEZARÖHEIM:Spiegelzaubeivi9i9. 

Vll.ür. EDUARD HITSCHMANN: Gottfried 
Keller. Psychoanalyse des Dichters, seiner 
Gestalten und Motive. 1919. 

VIII. Dr. OSK AR PFISTER :ZumKampfum 
die Psychoanalyse. (Mit einer Kunstbeilage 
und 1 5 Textabbildungen.) 1920. 

I nhalt: Die Psychoanalyse als psychologische Methode. 
Apologetisches. Der erfahrungswissenschaf (liehe Cha- 
rakter der Psych oanalyse. Proben psychoanalytischer Ar- 
beit. (Nachtwandeln. Unbezwingliche Abneigung gegen 
eine Speise. Hypno pompischer Einfall. Ein Fall von 
kommunizierender religiöser und irdischer Liebe usw.) 
Einige Ergebnisse und Ausblicke, - Die Entstehung der 
künstlerischen Inspiration.— Zur Psychologie des Krieges 
und des Friedens. Die Tiefenmächte des Krieges. Die 
psychologischen Voraussetzungen des Völkerfriedens. — 
Zur Psychologie des hysterischen Madonnenkultus. — 
Hysterie und Lebensgang bei Margarets Ebner. — Psycho- 
analyse und Weltanschauung. (Positivismus, Metaphysik, 
Ethik.) — Gefährdete Kinder und ihre psychoanalytische 
Behandlung, — Wahnvorstellung und Schülerselbst- 
mord. — Das Kinderspiel als Friihsymptom krankhafter 
Entwicklung, zugleich ein Beitrag zur Wissenschafts- 
psychologie. 



IX. AUREL KOLNAI: Psychoanalyse und 
Soziologie. Zur Psychologie von Masse und 
Gesellschaft. .1920. / 

X. Dr. KARL ABRAHAM: Klinische Bei- 
träge zur Psychoanalyse aus den Jahren 
1907—1920. 1921. , 

Inhalt: Über die Bedeutung sexueller Jugendträume 
für die Symptomatologie der Dementia praecox. — Die 
psychosexuelleii Differenzen der Hysterie und der De- 
mentia praecox. — Die psychologischen Beziehungen 
zwischen Sexualität und Alkoholismus. — Die Stellung 
der Vcrwaiidteuche in der Psychologie der Neurosen. — 
Über hysterische Traumzusläntle. — Bemerkungen zur 
Psychoanalyse eines Falles von Fuß- uud Korsettfetischis- 
rrius. — Ansätze zur psychoanalytischen Kr forsch nng und 
Behandlung des manisch-depressiven Irreseins und ver- 
wandter Zustande. — Über die determinierende Kraft 
des Namens. — Über ein kompliziertes Zeremoniell 
neurotischer Frauen. — Ohrmuschel und Gehörgang als 
erogene Zone. — Zur Psychogenese der StraOenangst im 
Kindesalter. — Sollen wir die Patienten ihre Traume 
aufschreiben lassen? — Einige Bemerkungen über die 
Rolle der Großeltern in der Psychologie der Neurosen. — 
Eine Decke rinnerung, betreffend ein Kindheitserlebnis 
von scheinbar ätiologischer Bedeutung. — Psychische 
Nachwirkungen der Beobachtung des elterlichen Ge- 
schlechtsverkehrs bei einem neunjährigen Kinde. — Kritik 
zu C. G. Jung: Versudi einer Darstellung der psycho- 
analytischen Theorie. — Über eine konstitutionelle 
Grundlage der lokomotorischen Angst. — Über Ein- 
schränkungen und Umwandlungen der Schaulust bei 
den Psychoneurolikem, - Über neurotische Kxogamie. - 
Untersuchungen über die früheste prägenitale Ent- 
wicklungsstufe der Libido. — Über ejnculalio praecox. — 
Einige Belege zur Gofiihlsstellung weiblicher Kinder 
gegenüber den Eltern. — Das Geldausgeben im Angst- 
zustand. — Über eine besondere Form des neurotischen 
Widerstandes gegen die psychoanalytische Methodik. — 
Bemerkungen zu Ferenczis Mitteilungen über Sonntags- 
neurosoii. — Zur Prognose psychoanalytischer Behand- 
lungen im vorgeschrittenen Lebensaller. 

XL Dr. ERNEST JONES: Therapie der 
Neurosen. 1921. 

XII. J. VARENDONCK: Über das vor- 
bewußte phantasierende Denken. Mit 
Geleitwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. 1922. 

XIII. Dr. S, FERENCZIS Populäre Vor- 
träge über Psychoanalyse. 1922. 

Inhalt: Zur analytischen Auffassung der Psycho- 
neuroseji. — Träume der. Ahnungslosen. — Suggestion 
und Psychoanalyse. — Die Psychoanalyse des Witzes 
und des Komischen. — Ein Vortrag für Richter und 
Staatsanwälte. — Psychoanalyse und Kriminologie. — 
Philosophie und Psychoanalyse, — Zur Psychogenese der 
M echanik. — Cornelia, die M utter der G ra cchen . — Ana toi 
France als Analytiker. — Glaube, Unglaube, Überzeugung. 

XIV. Dr. OTTO RANK: Das Trauma der 
Geburt und seine Bedeutung für die 
Psychoanalyse. 1924,. 

XV. Dr. S. FERENCZI; Versuch einer 
Genitaltheorie. 1924. •*» 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN, VII. ANDREASGASSE 5 



INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 

Bd. XV. 



Versuch einer 

Genitaltheorie 



von 



Dr. S. Ferenczi 




1924 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN • ZÜRICH 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Alle Rechte, 
insbeBonders das der Übersetzung, vorhalten 



Copyright 1934 
by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H." Wien 



Druck von K. Liebe], Wiei 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 
I 



Einleitung 

A) ONTOGENETISCHES 

I. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt 7 

O. Der Begattungsakt als amphimiktischer Vorgang 21 

HI. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 28 

IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 38 

V. Die individuelle Genitalfunktion 50 

B) PHYLOGENETISCHES 

VI. Die phylogenetische Parallele 61 

VII. Material zum „thalassalen Regressionszug" 69 

VIII. Begattung und Befruchtung 79 

C) ANHANG UND AUSBLICKE 

IX. Koitus und Schlaf 97 

X. Bioanalytische Konsequenzen 110 



^«^1 



EINLEITUNG 

Im Herbst 19 14 verbannte den Verfasser dieser Arbeit 
die Kriegs dienstp flicht aus seiner ärztlich-psychoanalytischen 
Tätigkeit in eine kleine Garnisonsstadt, wo die Agenden 
des Chefarztes einer Husaren-Eskadron den zur Gewohnheit 
gewordenen Tätigkeitsdrang nicht_ befriedigten. Die Muße- 
stunden wurden darum mit der Übersetzung von Freud's 
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1 ' ausgefüllt, und es 
war beinahe unvermeidlich, die dabei angeregten Gedanken 
fortzuspinnen und sie, wenn auch nur aphoristisch, nieder- 
zuschreiben. Die Einfälle gruppierten sich um die nähere 
Erklärung der Begattungsfunktion, die zwar in den „Ab- 
handlungen" als Endphase der ganzen Sexualentwicklung 
aufgefaßt, aber in ihrer Entwicklung nicht eingehend dar- 
gestellt war. Allmählich kristallisierten sich diese Ideen zu 
einer onto- und phylogenetischen Theorie aus, die ich 191 5 
Prof Freud, gelegentlich seines Besuches in meiner militäri- 
schen Station (Päpa) vortragen konnte. Den Vortrag wieder- 
holte ich später (i9 ! 9) vor & m und einem engeren Kreise 
von Freunden und wurde beide Male zur Publikation auf- 
gemuntert. Daß ich dieser Aufforderung so lange nicht 
nachkam, hatte außer den Widerständen, die die Eigen- 
tümlichkeit des Materials mit sich bringt, auch objektive 
Gründe. Meine naturwissenschaftliche Bildung überstieg in 
keiner Hinsicht die eines Arztes, der zwar die naturwissen- 
schaftlichen Fächer seinerzeit fleißig und mit Vorliebe 

Ferencii , 






Versuch einer Genitaltheorie 



studiert, sich mit ihnen aber seit beinahe zwanzig Jahren 
nicht mehr eingehend beschäftigt hatte. Und doch handelte 
es sich in jener Theorie um hochwichtige, vielfach im 
Mittelpunkt der Diskussion stehende naturwissenschaftliche 
Tatsachen. Als Handbibliothek standen mir nur das schöne 
Tierbuch von Hesse und Doflein, je ein Werk von 
Lamarck, Darwin, Haeckel, Bölsche, LI. Morgan, 
Godlewsky, R. Hertwig, Pie>on und Trömner zur 
Verfügung, dagegen war mir der größte Teil der modernen, 
besonders der „entwicklungsmechanischen 1 ' Biologie unzu- 
gänglich. 

In meinen genitaltheoretischen Spekulationen übertrug 
ich nun allerlei Vorgänge, deren Kenntnis ich der Psycho- 
analyse verdanke, ohneweiters auf die Tiere, ihre Organe, 
Organteile, Geweb-Elemente und wenn ich mit Hilfe dieser 
Transposition auch neue Gesichtspunkte gewann, machte 
ich mich eines Psychomorphismus schuldig, der als 
methodologische Übertreibung der Arbeitsweise mein wissen- 
schaftliches Gewissen drückte. Anderseits drängten mich die 
Gedankenverknüpfungen dazu, naturwissenschaftliche Beob- 
achtungen bei Tieren, Tatsachen der Embryologie etc. als 
Erklärungsbehelfe psychischer Zustände, z. B. des Seelen^ 
zustandes bei der Begattung, im Schlafe usw. zu verwenden. 
Nach meiner damaligen Überzeugung war auch das unstatt- 
haft, hatte ich doch in der Schule gelernt, es als ein Grund- 
prinzip wissenschaftlicher Arbeit anzusehen, daß man die 
natur- und die geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte 
säuberlich voneinander zu sondern habe. Die Nichtbeobach- 
tung dieser Regel in meiner Spekulation war eine der Ursachen, 
die mich abhielten, die Genitaltheorie zu veröffentlichen. 

Nun wurde ich aber, indem ich mich in die „Drei Ab- 
handlungen" vertiefte, durch die Tatsache außerordentlich 



Einleitung 



beeindruckt, daß Freud Erfahrungen, die auf dem Gebiete 
der Behandlung von Psychoneurosen, also auf psychischem 
Gebiete gesammelt waren, so verwerten konnte, daß er 
mit ihrer Hilfe ein ganzes Stück der Biologie, die Lehre 
von der Sexualentwicklung, zu rekonstruieren imstande war. 
Und in der Vorrede zur Übersetzung feierte ich dies bereits 
als einen bedeutenden Fortschritt in der wissenschaftlichen 
Methodologie, als die Wiederaufrichtung eines nun allerdings 
nicht mehr antropomorphen Animismus 1 . 

Allmählich erstarkte in mir sogar die Überzeugung, daß 
ein solches Hineintragen naturwissenschaftlicher Begriffe in 
die Psychologie und psychologischer in die Naturwissen- 
schaften unvermeidlich ist und außerordentlich förderlich 
sein kann. Solange man sich mit der Beschreibung begnügt, 
mag ja eine detaillierte Zusammenstellung der Einzelheiten 
eines Vorganges genügen, da kann man sich denn auch leicht 
auf das jeweilige eigene Wissensgebiet beschränken. Sobald 
man aber nebst der Beschreibung auch über den Sinn 
eines Vorganges etwas aussagen will, greift man unwillkür- 
lich in wesensfremde Wissensstoffe nach Analogien. Der 
Physiker kann uns die Vorgänge seines Gebietes nicht 
anders begreiflich machen, als indem er sie mit „Kräften", 
„Anziehungen", „Abstoßungen", mit „Widerstand", „Träg- 
heit" etc. vergleicht, lauter Dinge, von denen wir nur von 
der psychischen Seite her Kenntnis haben. Aber auch 
Freud mußte die Funktion der Psyche auf topische, 
dynamische, ökonomische, also rein physikalische Vorgänge 
reduzieren, anders konnte er sich ihrer letzten Erklärung 
nicht nähern. Schließlich sah ich ein, daß wir uns dieser 



i) Diese Vorrede wurde auch in der Internat. Zeitschr. für Psycho- 
analyse (191 5) unter dem Titel: „Die wissenschaftliche Bedeutung von 
Freud's ,Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" abgedruckt. 



Versuch einer Genitaltheorie 



gegenseitigen Analogisierung nicht zu schämen brauchen, 
ja sie als eine unvermeidliche und höchst nützliche Methode 
mit Nachdruck betreiben dürfen. In späteren Arbeiten 
scheute ich mich denn auch nicht mehr, diese Arbeits- 
weise, die ich eine utraquistische nannte, zu empfehlen 
und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sie der Wissenschaft 
gestatten wird, auch Fragen zu beantworten, denen sie 
bisher hilflos gegenüberstand. 

Ist es aber einmal gestattet, von den bisher verschmähten 
Analogien ausgiebigeren Gebrauch zu machen, so ist es 
nur zu natürlich, daß diese von einem möglichst entfernten 
Gebiete geholt werden sollen. Analogien, die von verwandten 
Gebieten herstammen, würden ja nur wie Tautologien 
wirken und hätten als solche keine Beweiskraft. In wissen- 
schaftlichen Sätzen, die nicht analytische, sondern syntheti- 
sche Urteile sein wollen, darf sich das Subjekt in der Aussage 
nicht wiederholen; dies ist auch die bekannte Grundregel 
jeder Definition. Oder um uns eines Gleichnisses zu bedienen: 
Materialien werden gewöhnlich mit artfremden Stoffen ge- 
messen. So kommen wir unwillkürlich auch dazu, das Stoff- 
liche am Nichtstofflichen zu messen und umgekehrt. 

Die knappste Formulierung dieser Erkenntnis wäre die, daß 
alles Physikalische und Physiologische schließlich auch einer 
„meta" -physischen (psychologischen), und jede Psychologie 
einer meta-psychologischen (physikalischen) Erklärung bedarf. 

Im Besitze dieser Einsicht wurde ich mutiger, und da 
die Ergebnisse, zu denen ich mit Hilfe dieser Methode ge- 
langte, in den neuesten, ganz anders gerichteten Unter- 
suchungen Ranks unerwartete Bestätigung fanden, entschloß 
ich mich zu ihrer Veröffentlichung. 

Klobenstein am Ritten, August 1923. 



. A) 

ONTOGENETISCHES 



I 

DIE AMPHIMIXIS DER EROTISMEN IM 
EJAKULATIONSAKT 

Es blieb der Psychoanalyse vorbehalten, die Probleme 
der Sexualität aus dem Giftschrank der Wissenschaft, in 
dem sie seit Jahrhunderten staubbedeckt verschlossen waren, 
hervorzuholen. Eine gewisse, vielleicht gesetzmäßige Reihen- 
folge läßt sich aber selbst in der Auswahl ihrer Arbetfs- 
aufgaben nicht verkennen. Gleichwie bei der Frage der 
Kinderaufklärung sogar die freieste Auffassung bei der 
Frage, wie das Kind in die Mutter gelangt, stecken bleibt, 
so beschäftigte sich bisher auch die Psychoanalyse ver- 
hältnismäßig viel mehr einerseits mit Schwangerschaft und 
Geburt, anderseits mit den vorbereitenden Akten der Be- 
gattung und den Perversionen, als mit dem Sinn und der 
Erklärung der Vorgänge beim Begattungsakte selbst. Auch 
ich muß bekennen, daß die Ideen, die ich jetzt wenigstens 
in großen Zügen mitteüen möchte, seit mehr als neun 
jähren in meinem Schreibtische lagen und vermute, daß 
das Zögern, sie bekanntzugeben (wenn man will, sie zur 
Welt zu bringen), nicht nur durch sachgemäße Ursachen, 

sondern auch durcli_Widei^ 

; vanitel würden auszugsweise mitgeteilt am 



Versuch einer Genitaltheorie 



Den Ausgangspunkt meiner Überlegungen über diesen 
Gegenstand bildeten gewisse Beobachtungen bei der Psycho- 
analyse der Impotenz des Mannes. Das klingt von vorn- 
herein verheißungsvoll; wissen wir doch, wie oft gerade 
die unter pathologischen Umständen zustandekommende 
Verzerrung imstande ist, gewisse in der Regel latente 
Faktoren einer physiologischen oder psychologischen Funk- 
tion zu entlarven und uns so den Hergang beim normalen 
Akte erst zu erklären. Abraham, ein besonders eifriger 
Forscher der sogenannten ,, prägenitalen Organisationen", 
führte die vorzeitige Samenentleerung, die ejaculatio praecox, 
auf die allzu innige Verknüpfung der Genitalität mit der 
Urethral-Erotik zurück. Die Kranken, die daran leiden, 
behandeln ihren Samen mit derselben Sorglosigkeit, als wäre 
er Harn, also wertlose Ausscheidung des Organismus. Als 
Gegenstück zu dieser Beobachtungsreihe konnte ich nun in 
recht zahlreichen Fällen feststellen, daß andere Kranke mit 
ihrem Samen in übertriebener Weise geizen, manche so 
weit, daß sie eigentlich nur an impotentia ejaculandi leiden 
d. h. nur des Samenergusses unfähig sind, der Erektion und 
Immission aber nicht. Im unbewußten, zum Teil auch im 
bewußten Vorstellungsleben dieser Kranken spielt die Gleich- 
stellung der Begattungsvorgänge mit dem Akte der Stuhl- 
entleerung eine hervorragende Rolle. (Gleichsetzung der 
Vagina mit der Abortöffnung, des Samens mit dem 
Kot usw.) Nicht selten übertragen diese Kranken den Eigen- 
sinn und Trotz, mit dem sie sich als Kinder gegen den 
Zwang zu bestimmten von der Kultur erforderten Ent- 
leerungsregeJn zur Wehr setzten, auf den Begattungsakt: 
sie sind impotent, wenn die Frau den Verkehr verlangt, 



L Die Amphimixis der Erotismen im Ejaknlationsakt g 

bekommen nur dann Erektionen, wenn die Ausführung des 
Aktes aus irgendwelchen Gründen verboten oder unstatthaft 
ist (z. B. bei der Menstruation der Frau), bringen Haß- 
und Wutausbrüche hervor oder erkalten plötzlich, wenn das 
Weib mit der kleinsten Kleinigkeit ihren Eigenwillen stört. 
Es lag nahe, bei diesen Kranken eine ebenso innige Ver- 
knüpfung des Analen mit dem Begattungsakte anzunehmen, 
wie sie Abraham bei ejaculatio praecox bezüglich des 
Urethralen festgestellt hat, mit andern Worten: man mußte 
annehmen, daß es eine besondere anale Technik der 
männlichen Impotenz gibt. 

Da fiel mir denn auf, daß minder ausgesprochene 
Störungen des Begattungsaktes durch den Stuhlgang auch 
sonst nicht ungewöhnlich sind. Sehr viele Männer haben 
den Zwang, vor der Ausführung des Koitus den Stuhl ab- 
zusetzen ; auch schwere nervöse Darmstörungen können ver- 
schwinden, wenn psychische Hemmungen der Geschlechtlich- 
keit analytisch gelöst werden; bekannt ist auch die hartnäckige 
Stuhlverstopfung, die als Folge übertriebener Masturbation 
und Samenvergeudung aufzutreten pflegt. Unter den von 
mir beschriebenen „Charakterregressionen" * finde ich auch 
den Fall erwähnenswert, wo Männer, die sonst sehr frei- 
gebig sind, sich bei Geldausgaben für die Frau kleinlich 
ja schmutzig erweisen. 

Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich gleich hier 
bemerken, daß bei der psychoanalytischen Heilung sowohl 
der analen wie auch der urethralen Impotenz die psychi- 
schen Beweggründe der Erkrankung nicht so tief im 



i) Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse (1906). 



io Versuch einer Genitalthcorie 

Biologischen gesucht werden mußten, sondern wie bei allen 
Übertragungsneurosen, im ödipus- und dem damit ver- 
knüpften Kastrationskomplex. Die erwähnte Einteilung der 
Impotenz in anale und urethrale ergab sich mir nur als 
spekulatives Nebenprodukt, das uns die Wege zeigen soll, 
auf denen der psychische Beweggrund regressiv das Offenbar- 
werden des Symptoms erzwingt. Es muß auch gesagt 
werden, daß die beiden Impotenzmechanismen fast niemals 
jeder für sich allein beobachtet werden, daß vielmehr er- 
fahrungsgemäß sehr häufig ein an ejaculatio praecox Lei- 
dender, also ein Urethraler, im Laufe der Analyse die 
Fähigkeit zur Erektion und Immission erlangt, dabei aber 
die potestas ejaculandi zeitweilig verliert, d. h. aspermatisch 
wird. Bei solchen Kranken scheint die anfängliche Urethralität 
im Laufe der Kur in die Analität umzuschlagen. Die Folge 
ist eine scheinbare Überpotenz, die aber nur für die Frau 
befriedigend ist. Erst die Fortsetzung und Beendigung der 
Kur bringt gleichsam die Ausgleichung beider gegensätz- 
lichen Innervationsarten und die schließliche Herstellung der 
befriedigenden Potenz zu Stande. 

Alle diese Beobachtungen erweckten in mir die Ahnung, 
daß beim normalen Ejakulationsvorgang zweck- 
mäßiges Ineinandergreifen analer und urethraler 
Innervationen unerläßlich und vielleicht nur durch 
gegenseitige Überdeckung beider unerkennbar ist, 
während bei der ejaculatio praecox die urethrale, 
bei der ejaculatio retardata die anale Komponente 
allein in Erscheinung tritt. 

Eine einfache Überlegung über die Art der geschlecht- 
lichen Betätigung von der Immissio penis bis zur Ejakulation 



/. Die Amphiutixis der Erotistnen im Ejakulationsakt u 

schien diese Annahme zu stützen. Der schließliche End- 
akt der Begattung, die Samenentleerung, ist zweifellos ein 
urethraler Vorgang, der mit der Harnentleerung nicht nur 
den Ausführungskanal, sondern auch die unter großem Druck 
erfolgende Ausspritzung einer Flüssigkeit gemein hat; hin- 
gegen scheinen sich während des Friktionsaktes hemmende, 
aller Wahrscheinlichkeit nach Sphinkter-Einflüsse geltend 
zu machen, deren unzweckmäßiges Überhandnehmen eben 
das völlige Ausbleiben der Ejakulation verursachen dürfte. 
Doch spricht alles dafür, daß die urethrale (Ejakulations-) 
Tendenz schon von vornherein, während der ganzen Reibungs- 
arbeit am Werke ist, daß also ein unablässiger Kampf 
zwischen der Entleerungs- und der Hemmungs-, d. h. Be- 
haltungsabsicht stattfindet, wobei schließlich die Urethralität 
siegt. Diese Doppelrichtung der Innervation könnte unter 
anderem auch in dem Hin und Her des Reibungsvor- 
ganges zum Ausdruck kommen, wobei das Eindringen der 
Ejakulationstendenz, das Zurückziehen der immer wieder 
einsetzenden Hemmung entspräche. Natürlich müßte man 
auch der Reizsteigerung bei der länger andauernden Reibung 
eine Bedeutung zuschreiben und annehmen, daß die Steige- 
rung dieses Reizes über ein gewisses Maß hinaus endlich 
den Sphinkterkrampf überwindet. 

Diese Annahme setzt eine recht verwickelte, fein abge- 
stufte Zusammenarbeit voraus, deren Störung eben jene 
ataktischen, gleichsam ausfahrenden Innervierungsarten zur 
Folge hätte, als welche man die vorzeitige und die ge- 
hemmte Entleerung beschreiben kann. Dabei drängt sich der 
Vergleich der genannten Unregelmäßigkeiten der Samen- 
entleerung mit der unter dem Namen Stottern bekannten 



12 Versuch einer Genitaltheorie 

Sprachstörung auf. Auch hier wird der normale Redefluß 
durch die geschickte Koordination der zur Erzeugung von 
Vokalen und Konsonanten nötigen Innervationen gewähr- 
leistet. Wird aber das Sprechen zeitweise durch unhemm- 
bare Vokalisation oder durch Konsonantenkrampf gehindert, 
so kommt es zu jenen Arten von Stottern, die von Spezialisten 
der Sprachstörungen als Vokal- und Konsonantenstottern be- 
zeichnet wurden. Es ist nicht schwer zu erraten, daß ich 
hier die zur Laut-Erzeugung nötige Innervation mit der 
Urethralität, die Unterbrechungen der Laute durch Kon- 
sonantengeräusche aber, die vielfach an Sphinkterwirkungen 
erinnern, mit der analen Hemmung vergleichen möchte. Daß 
aber dies kein bloßer Vergleich ist, sondern auf tiefere Wesens- 
gleichheit beider krankhaften Zustände hinweist, dafür spricht 
die merkwürdige Tatsache, daß man die erwähnten Inner- 
vationsstörungen bei Stotterern psychoanalytisch in der Tat 
einesteils auf analerotische, andernteils auf urethral-erotische 
Quellen zurückführen mußte. Mit einem Worte: ich möchte 
den pathophysiologischen Mechanismus der Ejakulations- 
störungen als eine Art Genitaistottern aufgefaßt wissen. 

Nicht unerwähnt darf ich hier die embryologische Tat- 
sache lassen, daß der Penis, an dem sich der letzte Akt 
der Begattung, die Samenentleerung abspielt, schon ab 
origine dazu geeignet ist, anale und urethrale Tendenzen 
in sich zu vereinigen; wächst er doch als ein recht später 
Erwerb der individuellen Entwicklungsgeschichte aus dem 
Darme, bei niederen Säugetieren aus der urogenitalen 
Kloake hervor. 

Kehren wir aber nach dieser physiologischen Abschweifung 
zu unseren gutbegründeten psychoanalytischen Kenntnissen 



/. Die Amphimixis der Erotismen im Ejaknlationsakt 13 

zurück und versuchen wir den beschriebenen Tatbestand 
mit Freuds Sexualtheorie in Verbindung zu bringen. 

Die geschlechtliche Entwicklung des Einzelwesens gipfelt 
nach Freuds „Drei Abhandlungen" darin, daß die bis 
dahin tätigen Autoerotismen (Erregungen der sogenannten 
erogenen Zonen) und die vorläufigen Organisationen der 
Sexualität abgelöst werden durch das Primat der 
Genitalzone, wobei die überwundenen Erotismen und 
Organisationsstufen in der schließlichen Genitalorganisation 
als Vorlustmechanismen erhalten bleiben. Hier aber kommt 
es zur Fragestellung: gibt uns nicht die im Obigen ver- 
suchte Zerlegung des Ej akulationsaktes in seine Bestandteile 
ein Mittel an die Hand, die feineren Vorgänge beim Zu- 
standekommen des Genitalprimats, wenn auch nur teilweise, 
zu erraten? Was ich nämlich mit einem physiologischen 
Kunstausdrucke als Koordination urethraler und analer 
Innervation beschrieb, ließe sich mit dem Wortschatze der 
Sexualtheorie als Vereinigung analer und urethraler Erotismen 
zu einem Genitalerotismus darstellen. Es sei mir gestattet, 
diese neue Auffassung durch eine Namengebung hervorzu- 
heben; nennen wir eine solche Vereinigung zweier oder 
mehrerer Erotismen zu einer höheren Einheit die Amphi- 
mixis der Erotismen oder der Partialtriebe. 

Doch schon dieser erste Schritt zu einer psychoanalytischen 
Genitaltheorie stößt auf Schwierigkeiten, die ihre Wahr- 
scheinlichkeit sehr in Frage zu stellen scheinen. Die eine 
erwächst daraus, daß uns die Physiologie kein Mittel an 
die Hand gibt, uns die Art, wie eine solche Amphimixis 
zu Stande kommen könnte, vorzustellen. Werden da wirk- 
lich Innervationsarten von einem Organ auf ein anderes 



14 Versuch einer Genitaliheorie 

oder gar von zwei Organen auf ein drittes übertragen, 
oder handelt es sich um chemische Vorgänge etwa nach 
Art der Ansammlung endokriner Ausscheidungsprodukte, die 
sich gegenseitig fördern oder hemmen? In allen diesen Dingen 
müssen wir unsere tiefe Unwissenheit bekennen; keinesfalls 
aber dürfte uns diese Schwierigkeit allein am weiteren 
Festhalten an diesem Erklärungsversuche irre machen. Die 
Erklärung eines Vorganges kann nämlich richtig und vom 
Standpunkte des Psychoanalytikers auch einleuchtend sein, 
ohne daß die physiologische Seite des Vorganges derzeit 
voll verständlich wäre. Die ganze Sexualtheorie Freuds 
ist ja eine psychoanalytische; die biologischen Beweise ihrer 
Richtigkeit müssen die Physiologen erst nachträglich er- 
bringen. 

Viel ernsthafter klingt ein metapsychologischer Einwand 
gegen die Amphimixis-Theorie, da er vom eigensten Ge- 
biete der Psychoanalytik herstammt. Die Metapsychologie 
arbeitete bisher mit der Hypostase von Mechanismen, 
die mit Energie besetzt und von denen Energie zurück- 
gezogen wird. Die Unterschiede zwischen den Ablaufs- 
arten dachte man sich als durch die Verschiedenheiten der 
Mechanismen verursacht, während bei der Energie nur 
die Menge und nicht die Qualität in Betracht kam. Das 
Seelische stellten wir uns immer als eine Mannigfaltig- 
keit von Mechanismen vor, an denen eine und dieselbe 
Energie arbeitet, wobei sie wohl von einem System auf 
ein anderes verschoben werden kann, aber von einer Ver- 
schiebung von Qualitäten, überhaupt von Qualitäts- 
differenzen der Energien selbst, wie es die Amphimixistheorie 
fordert, war nie ausdrücklich die Rede. Schauen wir aber 



/. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt ig 

aufmerksamer zu, so finden wir, daß eine solche Vorstellung, 
wenn auch unausgesprochen, gewissen psychoanalytischen 
Ansichten auch bisher zugrunde lag. Ich denke vor allem 
an die psychoanalytische Auffassung der hysterischen Kon- 
versions- und Materialisationsphänomene.' Wir mußten letztere 
als „heterotope Genitalfunktion", als regressive Genitalisierung 
älterer Autoerotismen auslegen, mit anderen Worten als 
Vorgänge, bei denen typisch genitale Erotismen r Erektilität, 
Friktions- und Ejakulationstendenz, also ein qualitativ wohl- 
gekennzeichnetes Syndrom, vom Genitale auf harmlose 
Körperteile verlegt werden. Diese „Verlegung von unten 
nach oben" ist aber wahrscheinlich nichts anderes als die 
Umkehrung jener amphimiktischen Abwärtswanderung der 
Erotismen zum Genitale, wodurch nach der hier vertretenen 
Theorie die Vorherrschaft der Genitalzone zustandekommt. 
Auch der metapsychologische Einwand gegen die Amphi- 
mixislehre braucht uns also nicht w r eiter zu kümmern, im 
Gegenteil, wir werden uns überlegen müssen, ob wir die 
wegen ihrer Einfachheit gewiß anziehende Annahme von 
der einen Energie und den vielen Mechanismen nicht mit 
der von einer Vielheit der Energieformen vertauschen müssen. 
Das taten wir übrigens schon unwillkürlich, als wir uns die 
psychischen Mechanismen bald von Ich-, bald von Sexual- 
tendenzen besetzt vorstellten. 

Wir machen uns also keiner Inkonsequenz schuldig, 
wenn wir mit verschiebbaren und miteinander verkntipf- 
baren, ihre qualitative Eigenart beibehaltenden Erotismen 
arbeiten. 

i) „Hyst. Materialisationsphänomene" (in „Hysterie und Pathoneurosen", 
Intern. Psychoanalyt Bibliothek IL) Vom Verf. 



16 Versuch einer Genitaltheorie 

Es fragt sich nunmehr, ob die beschriebene urethro- 
anale Amphimixis nicht auch durch andersartige Ver- 
knüpfungen dieser Erotismen erhärtet werden kann, und 
ob auch andere Einzelheiten des Begattungsvorganges auf 
ähnliche Vermischungen hinweisen, ferner ob sich diese mit 
der Sexualtheorie in Einklang bringen lassen. 

Zwischen urethralem und analem Autoerotismus scheint 
es nun in der Tat schon vor der Ausbildung des Genital- 
primats zu einer Gegenseitigkeit zu kommen. Das Kind 
hat die Neigung, sich von der Entleerung des Harnes und 
vom Zurückhalten des Stuhlgangs einen Lustnebengewinn zu 
holen, lernt aber auf einen Teil dieser Lust verzichten, um 
sich die Liebe der Pflegepersonen zu sichern. Woher 
nimmt es aber die Kraft, den Weisungen der Mutter und 
Amme nachzukommen und die Verschwendung mit dem 
Harn, den Geiz mit dem Kote zu überwinden? Ich denke, 
indem die ausübenden Organe der Urethralbetätigung vom 
Analen, die der Analbetätigung vom Urethralen entscheidend 
beeinflußt werden, wobei die Blase vom Mastdarm etwas 
Zurückhaltung, der Mastdarm von der Blase etwas Frei- 
giebigkeit lernt, wissenschaftlicher gesprochen: durch eine 
Amphimixis beider Erotismen, bei der die Urethralerotik 
anale, die Analerotik urethrale Beimengungen bekommt. 
Ist dem so, so müßten wir dem Mischungsverhältnis und 
der feineren oder gröberen Verteilung der Bestandteile 
im Gemenge der Erotismen eine ungeheure Wichtigkeit 
für das Zustandekommen nicht nur der genitalen Normalität 
oder Eigenart, sondern auch besonders der Charakter- 
bildung zusprechen, die doch — wie wir es von Freud 
lernten — zum großen Teile als der psychische Überbau 



/. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt 17 

und die psychische Überarbeitung dieser Erotismen an- 
zusehen ist. 

Doch davon abgesehen wird uns die Annahme von der 
urethro-analen Amphimixis im Begattungsakte durch diese 
praegenitale Amphimixis wesentlich erleichtert. Das 
Genitale wäre dann nicht mehr der unvergleichliche, einzig- 
artige Zauberstab, dem Erotismen von allen Organen des 
Körpers zuströmen, sondern die genitale Amphimixis wäre 
nur ein Sonderfall unter vielen, in denen solche Ver- 
quickungen Zustandekommen. Vom Standpunkte der indivi- 
duellen Anpassung ist aber dieses Beispiel recht bedeutsam; 
wir sehen, mit welchen Mitteln überhaupt der Zwang der 
kulturellen Erziehung den Verzicht auf eine Lust und die 
Aneignung einer unlustvollen Betätigung zustande bringt: wohl 
nur durch geschickte Kombination von Lustmechanismen. 
Die Blase lernt die Harnverhaltung nur, indem sie eine 
andere Lustart, die der Zurückhaltung, zu Hilfe nimmt und 
der Darm verzichtet auf die Verstopfungslust, indem er 
etwas von der urethralen Entleerungslust ausborgt. Viel- 
leicht ließe sich bei genug tief reichender Analyse auch 
die gelungenste Sublimierung, ja die anscheinend vollständige 
Entsagung in solche versteckte hedonistische Befriedigungs- 
elemente zerlegen, ohne die anscheinend kein Lebewesen 
zu irgend einer Änderung seiner Tätigkeit zu bewegen ist. 1 



1) Eine ähnliche Aneinanderlehnung urethraler Verschwendungs- 
und analer Hemmungstendenz wiederholt sich, wie ich glaube, im 
Kampfe um die Abgewöhnung der Onanie. Die onanistische Samen- 
verschwendung kann man wohl als Wiederholung der enuretischen 
Periode ansehen, während die ängstlich-hypochondrischen Vorstellungen, 
die 2ur Abstellung der Onanie drängen, deutliche anale Züge verraten. 



Foreacxi 



Versuch einer Genitaltheorie 



Die Frage, ob es auch andere Vermengungen und Ver- 
legungen von Erotismen gibt, kann man mit Bestimmtheit 
bejahen. 1 Die Kinderbeobachtung allein liefert zahllose Be- 
weise für ihr Vorhandensein. Die Kinder lieben es, lustvolle 
Betätigungen verschiedenster Art zu einem Akte zu ver- 
schmelzen, besonders gerne vereinigen sie das Vergnügen 
des Essens mit dem der Stuhlentleerung; doch schon der 
Säugling liebt es, wie bereits der erste Beobachter dieser 
Vorgänge, Lindner, hervorhob, das Ludein mit dem Reiben 
oder mit dem Zupfen verschiedener Hautstellen, der Ohr- 
läppchen, der Finger, auch der Genitalien zu verbinden. 
Man kann in diesen Fällen sehr wohl von einer Ver- 
mischung oraler und analer oder oraler und Haut-Erotismen 
reden. Aber auch die bekannten Veranstaltungen der 
Perversen streben gewöhnlich einer solchen Summation 
von Erotismen zu, am auffälligsten wohl bei jenen Voyeurs, 
die nur vom gleichzeitigen Zuschauen beim Exkretionsakt, 
Riechen des Kotgeruches oder Essen des Kotes befriedigt 
werden. Das charakteristischeste Beispiel eines urethro-anal- 
amphimiktischen Spieles verdanke ich aber einem zwei- 
jährigen Knaben, der am Töpfchen sitzend, abwechselnd 
einige Tropfen Harn und zwischendurch etwas Kot oder 

i) Unter Umständen gebärden sich Darm und Blase, als hätten sie ihre 
Aufgaben vertauscht, was durch übertriebene Beeinflussung- von 
antagonistischer Seite erklärlich wäre: bei der nervösen Diarrhoe 
wird der Darm von Urethralität überflutet, während bei der nervösen 
Harnverhaltung die Blase die vom Darm erlernte Hemmung übertreibt. 
In den Fällen, in denen ich in die Gründe solchen Verhaltens Einsicht 
bekam, handelte es sich um verkappte Äußerung des Trotzes. Es gelingt 
dem Kinde und dem neurotischen Erwachsenen, mittels Übertreibung 
die Erziehungsmaßnahmen ad absurdum zu führen. 



I. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt ig 



Flatus entleerte, unter dem fortwährenden Rufe: „egy 
csurr, egy pü — egy csurr, egy pü", was in die deutsche 
Kindersprache übersetzt, etwa „einmal Pi, einmal Pup" 
heißen könnte. 

Bei einigen Kranken gewann ich auch in die psychische 
Motivierung solcher Verquickungen Einsicht; so bekam ein 
wesentlich analimpotenter Patient nach jedem Stuhlabsetzen 
Depressionszustände, Verarmungsphantasien und Minder- 
wertigkeitsgefühle, die bei der nächsten Mahlzeit während 
des Essens von maßlosem Größenwahn abgelöst würden. 
Dieser Fall zeigt uns, daß die beliebte Verknüpfung der 
Anal- mit der Oralerotik, das Kotessen, den Schmerz des 
analen Verlustes durch die Lust der Oral-Einverleibung 
wettmachen möchte. 

Als Beispiele für die Verschiebung erotischer Qualitäten 
erwähne ich noch die von Freud beschriebene Verlegung 
der Klitoris-Erotik der Frau auf die Vagina, die Verlegung 
der Erektionstendenz auf Mamilla und Nasenmuschel, sowie 
die Neigung zum Erröten (Erektion des ganzen Kopfes) bei 
der die Genitalerregung verdrängenden Jungfrau. 

Auch die sogenannten Synästhesien, bei denen die Er- 
regung eines Sinnesorganes die illusionäre Miterregung eines 
anderen mit sich bringt {audition coloree, Vision acoustique, 
audition odore'e etc.), legen nach den psychoanalytischen Er- 
hebungen, wie wir sie u. a. Pf ister und Hug-Hellmuth 
verdanken, Zeugenschaft für das Vorhandensein erotischer 
Trieb vermengungen ab. 

Alle diese zunächst zwanglos aneinandergereihten Be- 
obachtungen bestärkten mich in der vorgefaßten Meinung, 
daß der Ejakulationsakt ein Akt der urethroanalen Amphi- 



20 



Versuch einer Genitalthcorie 



mixis sei. Nun möchte ich aber versuchen, den Ablauf 
des ganzen Begattungsaktes samt den vorbereitenden und 
Vorlustbetätigungen von diesem Standpunkte aus zu be- 
trachten. 



II 

DER BEGATTUNGSAKT ALS AMPHIMIKTISCHER 

VORGANG 

Wir wissen aus der „Sexualtheorie", daß die infantil- 
erotischen Betätigungen im Begattungsakt des Erwachsenen 
als Vorlustbetätigungen wiederkehren, daß aber beim Er- 
wachsenen die eigentliche Abfuhr der Erregung erst im Augen- 
blick der Ejakulation stattfindet. Während also dem Kinde 
das Ludein, das Schlagen und Geschlagenwerden, das 
Schauen und Geschautwerden volle Befriedigung gewähren 
kann, dient das Schauen, das Küssen, das Umarmen beim 
Erwachsenen nur dazu, den eigentlichen Genitalmechanismus 
in Gang zu bringen. Es ist, als ob hier keine dieser Er- 
regungen zu Ende geführt, sondern bei einer gewissen 
Stärke der Erregung auf einen anderen Erotismus über- 
leitet würde. Die genügend starke Erregung beim erotischen 
Schauen, Hören und Riechen drängt zur Umarmung und 
zum Kusse und erst bei einer gewissen Heftigkeit dieser 
Berührungsweisen kommt es zur Erektion und zum Immissions- 
und Friktionsdrange, der in dem beschriebenen amphimikti- 
schen Ejakulatiosvorgange gipfelt. Man könnte förmlich von 
einer kurzen Wiederholung der geschlechtlichen Entwicklung 
in jedem einzelnen Geschlechtsakte sprechen. Es ist, als ob die 
einzelnen erogenen Zonen glimmende Feuerherde wären, 



22 



Versuch einer Genitaltheorie 



von einer Zündschnur miteinander verbunden, die schließ- 
lich zur Explosion der im Genitale aufgehäuften Trieb- 
energiemengen führt. 

Wahrscheinlicher aber ist die Annahme, daß solche 
amphimiktische Triebverlegung nach unten nicht nur während 
des Genitalaktes, sondern zeitlebens stattfindet; ja diese 
Annahme hat auch das heuristische Argument für sich, 
daß wir uns mit ihrer Hilfe eine deutlichere Vorstellung 
von dem Sinne und dem biologischen Zweck des Zustande- 
kommens des Genitalprimats bilden können. Die Hauptetappen 
der Libidoentwicklung sind, wie wir wissen, die Entwicklungs- 
phasen vom Autoerotismus über den Narzißmus zur genitalen 
Objektliebe. Im autoerotischen Stadium dieser Entwicklung 
lebt sich die Sexualität jedes einzelnen Körperorganes oder 
Partialtriebes anarchisch, ohne Rücksicht auf das Wohl und 
Wehe des übrigen Organismus aus. Es mußte einen be- 
deutenden Fortschritt für die Leistungsfähigkeit, namentlich 
für die Nützlichkeitsfunktion der einzelnen Organe bedeuten, 
wenn es gelingt, die Sexualerregungen von ihnen immer 
wieder wegzuleiten und in einem eigenen Behälter aufzustapeln, 
aus dem sie periodisch abgeführt werden. Gäbe es eine 
solche Sonderung der Lustbetätigungen nicht, so versenkte 
sich das Auge in erotisches Schauen, der Mund betätigte sich 
immerzu als oralerotisches Werkzeug, anstatt sich in den 
Dienst nützlicher Erhaltungstätigkeiten zu stellten; auch die 
Hautdecke wäre nicht die Schutzhülle, deren Empfindlichkeit 
uns vor Gefahren warnt, sondern nur die Stätte erotischer 
Gefühle ; die Muskulatur wäre nicht das ausführende Werk- 
zeug zweckmässiger Willensbetätigung, sondern diente nur 
der Abfuhr sadistischer und sonstiger lustvoller motorischer 






// Der Begattungsakt als amphimiktischer Vorgang 23 

Entladungen, usw. Durch die Säuberung des Organismus 
von sexuellen Abfuhrtendenzen und durch deren Anhäufung 
im Genitale wurde das Arbeitsniveau des Organismus be- 
deutend gesteigert und die Anpassung an schwierige Lagen, 
auch Katastrophen, ermöglicht. Man muß sich das Zustande- 
kommen des Genitalzentrums gleichsam pangenetisch im 
Sinne Darwins, vorstellen, das heißt: es gibt keinen Teil im 
Organismus, der nicht im Geschlechtsteil durch einen Beitrag 
vertreten wäre, so daß das Genitale, gleichsam als Prokurist, 
das Lustabfuhrgeschäft für den ganzen Organismus besorgt. 

Die Entwicklung vom Autoerotismus zum Narzißmus wäre 
so der auch äußerlich erkennbar gewordene Erfolg der 
amphimiktischen Verlegung aller Erotismen nach unten. Wenn 
wir mit der hier versuchten Idee von der Pangenesis der 
Genitalfunktion Ernst machen wollen, dann getrauen wir 
uns das männliche Glied als Miniatur des ganzen Ich, als 
Verkörperung eines Lust-Ich zu bezeichnen und diese Ver- 
doppelung des Ich als Grundbedingung der narzißtischen 
Ichliebe anzusprechen. Für dieses reduzierte kleinere Ich, 
das in Träumen und anderen Phantasieprodukten so häufig 
die ganze Person symbolisch vertritt, müssen dann im Be- 
gattungsakte Verhältnisse geschaffen werden, die seine Be- 
friedigung einfach und sicher gewährleisten, und mit diesen Ver- 
hältnissen müssen wir uns jetzt, wenn auch nur kurz, befassen. 

Unsere psychoanalytischen Erfahrungen beweisen, daß die 
Vorbereitungsakte des Koitus auch die Aufgabe haben, durch 
innige Berührungen und Umarmungen eine Identifizie- 
rung der sich Begattenden herbeizuführen. Das Küssen, 
Streicheln, Beißen, Umarmen dient dazu, die Grenze zwischen 
den Ichen der sich Begattenden zu verwischen, so daß dann 



24 Versuch einer Genital the orte 

z. B. der Mann während des Koitusaktes, da er doch auch 
die Organe des Weibes sozusagen introjiziert hat, nicht 
mehr die Empfindung haben muß, sein höchstgeschätztes 
Organ, den Vertreter seines Lust-Ichs, einer fremden, des- 
halb gefährlichen Umgebung anvertraut zu haben ; er kann 
sich also den Luxus der Erektion ganz gut gestatten, da 
doch das wohlbehütete Glied infolge der stattgehabten Identi- 
fizierung gewiß nicht verloren geht, es bleibt ja bei einem 
Wesen, mit dem sich das Ich identifizierte. So wird im 
Koitusakt ein gelungener Ausgleich zwischen Schenken- und 
Behaltenwollen, zwischen egoistischer und libidinöscr Strebung 
hergestellt, ein Vorgang, dem wir schon bei der Doppel- 
richtung aller konversionshysterischen Symptome begegnet 
sind. Aber auch diese Analogie ist keine zufällige, da doch 
das hysterische Symptom, wie es uns unzählige psycho- 
analytische Beobachtungen beweisen, irgendwie immer der 
Genitalfunktion nachgebildet ist. 

Ist erst die möglichst innige Verquickung zweier Individuen 
verschiedenen Geschlechtes durch die Brückenbildungen 
des Küssens, des Umarmens und des Eindringens des 
Penis hergestellt, dann kommt es zu dem letzten, ent- 
scheidenden Kampfe zwischen Schenken- und Behalten wollen 
des Genitalsekrets selbst, den wir zu Beginn unserer Aus- 
führungen als einen Kampf analer und urethraler Bestrebungen 
zu beschreiben versuchten. Zu guter Letzt wogt also der 
ganze Genitalkampf um das Hergeben und Nichthergeben- 
wollen eines Ausscheidungsproduktes, dem dann die ab- 
schliessende Ejakulation gestattet, sich vom männlichen 
Körper loszulösen, das heißt den Mann von der Sexual- 
spannung zu befreien, doch in einer Weise, durch die zu- 






-"v- 



//. Der Begattungsakt als amphitiiiktischer Vorgang 25 

gleich für die Sicherheit und das Wohlergehen dieser Aus- 
scheidungsprodukte im Innern des weiblichen Körpers 
gesorgt wird. Diese Sorgfalt ist es aber, die es uns nahe- 
legt, auch zwischen diesem Exkret und dem Ich einen 
Identifizierungsvorgang anzunehmen, so daß wir nun- 
mehr dreierlei Identifizierungsakte bei der Begattung hätten : 
Identifizierung des ganzen Organismus mit dem Genitale, 
Identifizierung mit dem Partner, und Identifizierung mit 
dem Genitalsekret. 1 

Überblicken wir aber nunmehr die Entwicklung der Ge- 
schlechtlichkeit vom Ludein des Neugeborenen über die 
Selbstliebe bei der Genital-Onanie bis zum heterosexuellen 
Begattungsakte, und berücksichtigen wir die verwickelten 
Identhizierungsvorgänge des Ich mit dem Penis und dem 
Genitalexkret, so kommen wir zum Schlüsse, daß der Zweck 
dieser ganzen Entwicklung, also auch der Zweck des Be- 
gattungsaktes, nichts anderes sein kann, als ein anfangs 
ungeschickt tappender, später immer zielbewußterer und 
schließlich zum Teil gelungener Versuch zur Wiederkehr 
des Ich in den Mutterleib, wo es die für das zur Welt 
gekommene Lebewesen so peinliche Entzweiung zwischen 
Ich und Umwelt noch nicht gab. Die Begattung erreicht 
aber diese zeitweilige Regression auf dreierlei Weise: der 
ganze Organismus erreicht dieses Ziel nur halluzinatorisch, 
ähnlich wie etwa im Schlaf; dem Penis, mit dem sich der 



1) Um einem naheligenden Einwand zu begegnen, betone ich, daß 
diese Auseinandersetzungen ausschließlich die einfacheren Verhältnisse 
des männlichen Mitspielers behandeln. Ich muß es auf eine spätere 
Gelegenheit verschieben, die Anwendbarkeit dieser Auffassung auch auf 
die verwickeiteren Verhältnisse beim weiblichen Geschlechte nachzuweisen. 



26 Versuch einer Genitaltheorte 

ganze Organismus identifizierte, gelingt dies bereits partiell 
oder symbolisch, und nur das Genitalsekret hat das Vorrecht, 
in Vertretung des Ich und seines narzißtischen Doppelgängers, 
des Genitales, auch real die Mutterleibsituation zu er- 
reichen. 

In der Ausdrucksweise der Naturwissenschaften würden 
wir vom Geschlechtsakte zusammenfassend sagen müssen, 
daß er die gleichzeitige Befriedigungssituation des Somas 
und des Keimplasmas bezweckt und erreicht. Für das Soma 
bedeutet die Ejakulation die Befreiung von lästigen Ausschei- 
dungsprodukten, für die Geschlechtszellen das Eindringen in 
das für sie günstigste Milieu, Die psychoanalytische Auffassung 
lehrt uns aber, daß dabei im Soma (infolge seiner statt- 
gehabten „Identifizierung" mit dem Genitalexkret) nicht nur 
egoistische Entspannungs-Tendenzen befriedigt werden, 
. sondern auch ein Mit-Genießen der realen Befriedigung der 
Keimzellen als halluzinatorische und symbolische (partielle) 
Wiederkehr in den bei der Geburt nur ungerne verlassenen 
Mutterleib erfolgt, das wir vom Standpunkte des Individuums 
als den libidinösen Anteil des Geschlechtsaktes ansprechen 
können. 

Im Lichte dieser, wie ich sagen möchte „bioanalytischen" 
Auffassung der Genitalvorgänge wird es erst verständlich, 
warum der ödipuswunsch, der Wunsch nach dem Ge- 
schlechtsverkehr mit der Mutter, so regelmässig, in seiner 
Eintönigkeit beinahe ermüdend, bei der Analyse des Mannes 
als zentrale Strebung wiederkehrt. Der ödipuswunsch ist 
eben der seelische Ausdruck einer viel allgemeineren biolo- 
gischen Tendenz, die die Lebewesen zur Rückkehr in die 
vor der Geburt genossene Ruhelage lockt. 



// Der Begattimgsaki als amphimiktischer Vorgang 27 



Eine der vornehmsten Aufgaben der Physiologie wäre 
der Nachweis jener organischen Vorgänge, die die Summation 
der Einzel-Erotismen zur Genitalerotik ermöglichen. Nach 
der im obigen angedeuteten Hypothese dürften jedesmal, 
wenn ein Organ nicht unmittelbar seinen Lusttendenzen 
fröhnt, sondern auf diese zu Gunsten des Gesamtinteresses 
des Organismus verzichtet, aus diesem Organ Stoffe aus- 
geschieden oder Innervationsqualitäten und -Quantitäten auf 
andere Organe und schließlich aufs Genitale verschoben 
werden, dessen Aufgabe es ist, die frei schwebenden Lust- 
spannungen aller Organe im Befriedigungsakte auszugleichen. 

Der Biologie aber erwüchse aus dem Gesagten die nicht 
minder schwierige Aufgabe, die Wege zu weisen, auf denen die 
ursprünglich wohl voneinander unabhängigen Befriedigungs- 
tendenzen des Keimplasmas und des individuellen Somas 
im Genitalakte zur Vereinigung gelangen, oder sich gegen- 
seitig beeinflussen. Sie müßte uns die onto- und phylo- 
genetischen Ursachen nachweisen, die so viele Lebewesen 
zwingen, ihre höchste Befriedigung gerade im Kopulations- 
akte zu suchen, der nach den hier vorangestellten Erörterungen 
nichts anderes ist als die Äußerung der Tendenz, in den 
Mutterleib zurückzukehren. 



III 

ENTWICKLUNGSSTUFEN DES EROTISCHEN 
REALITÄTSSINNES 

In einer früheren Arbeit über den Entwicklungsgang des 
Wirklichkeitssinnes beim heranwachsenden Menschenkinde 1 
gelangten wir bereits zur Annahme, daß der Mensch vom 
Augenblicke seiner Geburt an von einem unaufhörlichen regres- 
siven Zug nach der Wiederherstellung der Mutterleibsituation 
beherrscht ist und diesen gleichsam magisch-halluzinatorisch 
mit Hilfe positiver und negativer Halluzinationen unentwegt 
festhält. Die volle Entwicklung des Wirklichkeitssinnes ist 
nach dieser Auffassung erst dann erreicht, wenn auf diese 
Regression endgültig verzichtet und für sie in der Realität 
Ersatz gefunden wird. Diese Entwicklung macht man aber 
nur mit einem Teile seiner Persönlichkeit durch ; unser Schlaf- 
und Traumleben, unser sexuelles und Phantasieleben, bleiben 
an der Tendenz zur Erfüllung jener primordialen Wünsche 
hängen. 

Im nachstehenden soll gleichsam zur Ergänzung dieser 
Gedankenreihe versucht werden, die Entwicklungsphasen 
der Sexualität, wie sie uns durch die Untersuchungen Freuds 
bekannt wurden, als unsichere und tappende, doch immer 

i) „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes", Vom Verf. (Int. Zeit- 
schrift für Psychoanalyse, 1913). 



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III. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 29 

deutlicher werdende Versuche zur Wiederkehr in den 
Mutterleib zu beschreiben, die Endphase der ganzen Ent- 
wicklung aber, die Ausbildung der Genitalfunktion, als 
erotische Parallele zur Wirklichkeitsfunktion, als das Er- 
reichen des „erotischen Wirklichkeitssinnes". Wie im vorigen 
Kapitel angedeutet wurde, gelingt es nämlich im Geschlechts- 
akt, wenn auch nur partiell, wirklich in den Mutterleib 
zurückzukehren. 

In der ersten, oralerotischen Organisationsphase der kind- 
lichen Sexualität sorgen noch die Pflegepersonen dafür, daß 
dem Kinde die Illusion der Mutterleibslage gewahrt bleibe; sie 
sorgen für die Wärme, die Dunkelheit, das Ungestörtsein, 
dessen es zu dieser Illusion bedarf. Die Ausscheidungs- 
funktionen sind einstweilen vollständig unbeherrscht, und die 
aktive Tätigkeit des Neugeborenen beschränkt sich wesentlich 
auf das Saugen an der Mutterbrust. Doch selbst dieses 
erste Liebesobjekt wird dem Kinde ursprünglich zunächst 
von der Mutter aufgedrängt, so daß man beim Kinde von 
einer primären „passiven Objektliebe" sprechen könnte. 
Jedenfalls bleibt die Rhythmik des Saugens als wesentlicher 
Bestandteil jeder späteren erotischen Tätigkeit für immer 
festgehalten und wird, wie wir glauben amphimiktisch, in 
die Akte des Masturbierens und Koitierens eingeschmolzen. 
Die rein libidinöse Betätigung dieser Periode, das Ludein 
oder Wonnesaugen (Lindner) ist auch das erste Problem 
der Erotik, das sich vor uns erhebt. Was drängt das Kind 
dazu die Betätigung des Saugens auch nach erfolgter 
Sättigung fortzusetzen; was verschafft ihm bei dieser Be- 
tätigung die Lust? Doch sparen wir uns den Versuch, dieses 
Rätsel, und damit die Grundfrage der Psychologie der Erotik 



3° Versuch einer Genitaltheorie 



zu lösen, für später auf, bis wir auch andere Erotismen 
im Einzelnen betrachtet haben. 

Das Brustkind ist im Ganzen und Großen ein Ektoparasit 
der Mutter, gleichwie es in der Fötalperiode endoparasitisch 
an ihr zehrte. Und sowie es sich im Mutterleib rück- 
sichtslos breitmachte und die Mutter, den nährenden Wirt, 
schließlich zwang, den unbescheidenen Gast vor die Tür 
zu setzen, so gebärdet es sich auch der stillenden Mutter 
gegenüber immer aggressiver. Es tritt aus der Periode der 
harmlosen Oralerotik, des Saugens, in eine kannibalistische 
Phase über; es entwickelt in seinem Munde Beiß Werkzeuge, 
mit deren Hilfe es die geliebte Mutter gleichsam auffressen 
möchte und diese schließlich zur Entwöhnung des Kindes 
zwingt. Nun meinen wir aber, daß dieser kannibalistische 
Zug nicht nur der Selbsterhaltungstendenz dient, wir ver- 
muten vielmehr, daß die Zähne auch als Waffen im Dienste 
einer libidinösen Strebung wirken; sie sind Werkzeuge, 
mit deren Hilfe sich das Kind in den Mutterleib 
einbohren möchte. 

Das einzige, für den Psychoanalytiker allerdings gewichtige 
Argument, das uns zu dieser kühnen Hypothese ermutigt, 
ist die Eindeutigkeit, mit der in Träumen und neurotischen 
Symptomen die sinnbildliche Identität des Penis und des 
Zahnes wiederkehrt. Nach unserer Auffassung ist also der 
Zahn eigentlich ein Urpenis, auf dessen libidinöse Rolle aber 
das entwöhnte Kind verzichten lernen muß/ Nicht der Z ahn ist 

i) Ein zweijähriges Kind sagte beim Beobachten des Stillens des 
neugeborenen Brüderchens: „Der Dani ißt Fleisch." — Der strenge 
Verbot der Juden, „Fleischiges" und „Milchiges" gleichzeitig zu essen, 
ist vielleicht nur eine Einrichtung, die die Entwöhnung sichern soll. 



III. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 3 1 

demnach das Symbol des Penis, sondern, paradox gesprochen, 
der sich später entwickelnde Penis das Symbol des ur- 
sprünglicheren Bohrwerkzeugs, des Zahnes. Das Paradoxe 
dieser Annahme mildert sich aber vielleicht, wenn wir 
berücksichtigen, daß jeder symbolischen Verknüpfung ein 
Stadium der Gleichsetzung vorangeht, in dem zwei Dinge 
einander vertreten können. 

Der Kannibalismus enthält schon zum Teil jene aggressiven 
Elemente, die sich in der darauffolgenden sadistisch-analen 
Organisation so deutlich offenbaren. Die so auffällig intime 
Verknüpfung der Anallibido mit Äußerungen des Sadismus 
wäre im Sinne der früheren Ausführungen eine Verschiebung 
ursprünglich „kannibalischer" Aggressivität auf die Darmfunk- 
tion. Das Motiv zu dieser Verschiebung ist die Unlustreaktion, 
die beim Kinde der Zwang zur Einhaltung gewisser von 
den Pflegepersonen geforderter Ausscheidungsregeln hervor- 
ruft. Auch die früher oralerotisch versuchte Mutterregression 
wird in dieser Periode nicht aufgegeben; sie kehrt hier als 
Identifizierung des Kotes mit einem Kinde, d. h. mit dem 
eigenen Selbst wieder. Es ist, als ob sich das Kind nach 
der ziemlich erschütternden Abwehr der oralerotischen 
Aggression seitens der Mutter eine Art Introversion seiner 
Libido produzierte j indem es in eigener Person Mutter- 
leib und Kind (Kot) ist, macht es sich von der Pflege- 
person (Mutter) in libidinöser Hinsicht unabhängig. Dies 
ist vielleicht der letzte Grund jener trotzigen Charakter- 
züge, in die sich die sadistisch-anale Libido umzuwandeln 
pflegt. 

Die Masturbationsperiode wäre als erste Etappe des 
beginnenden Primats der Genitalzone, also als eigene Ent- 



Versuch einer Genital theorie 



Wicklungsphase der Libido, zu isolieren. 1 Unsere Analysen 
zeigen uns unzweideutig, daß sich mit der masturbatonschen 
Betätigung große Quantitäten analer und sadistischer Libido 
vergesellschaften, so daß wir nunmehr die Verschiebung 
der aggressiven Komponente von der oralen Phase über 
die anale bis zur genitalen verfolgen können. Bei der 
Masturbation wird aber auch die symbolische Identität 
Kind = Kot, von dem Symbol Kind = Penis abgelöst, wobei 
beim männlichem Kind die eigene Hohlhand die Rolle 
des mütterlichen Genitales spielt. Es fällt uns auf, daß das 
Kind in den letzten beiden Phasen durchgängig eine Doppel- 
rolle agiert, die sicherlich mit der Tatsache der infantilen 
Bisexuahtät zusammenhängt. Jedenfalls ist aber auch für 
das Verständnis der Äußerungen der vollentwickelten Genital- 
libido ungemein wichtig, daß jeder Mensch, ob mann- 
lich oder weiblich, die Doppelrolle des Kindes und jier 
Mutter mit dem eigenen Leibe spielen kann un 

SP hn letzten Entwickelungsschube der infantilen Libido ^kehrt 
das Kind nach den Perioden der passiven Objektiieoe, 
nach der kannibalistischen Aggression und der Introversion 
zum ursprünglichen Objekt, zur Mutter zurück, doch diesmal 
mit einer geeigneteren Angriffswaffe ausgestattet. Der erektile 
Penis findet von selbst den Weg zur mütterlichen Vagina 
und würde dieses Ziel auch erreichen, würden nicht die isr- 
ziehungsverbote, vielleicht auch schon eine spezielle Abwehr- 
tendenz oder Angst dieser frühreifen Odipushebe ein 

vorschnelles Ende bereitere 

I) Neuestens beschrieb auch Freud eine eigene „phallische" Or- 
ganisationsetappe. (Int. Zeitschrift für Psychoanalyse IX, 1923.) 



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/// Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 33 

Wir werden auf die Schilderung der nun folgenden Sexual- 
perioden der Latenzzeit und der Pubertät verzichten, war 
ja die uns gestellte Aufgabe nur die, nachzuweisen, daß die 
Ontogenese der Sexualität an der Tendenz zur Wiederkehr in 
den Mutterleib unablässig festhalten will, und daß die 
Genitalorganisation, die diese Tendenz auch verwirklicht, 
einem Höhepunkte in der Entwicklung des erotischen 
Realitätssinnes entspricht. Nach dem ersten mißlungenen 
oralen Versuch, den Mutterleib wiederzugewinnen, folgen 
die sozusagen autoplastischen Perioden der Analität und 
der Masturbation, in denen für das verlorene Objekt am 
eigenen Körper phantastischer Ersatz gesucht wird; doch 
erst mit Hilfe des männlichen Begattungsorgans wird es 
ernsthaft versucht, die Mutterleibstendenz wieder allo- 
plastisch, zunächst an der Mutter selbst, dann an anderen 
weiblichen Personen der Umwelt, zu verwirklichen. 

Der Aufgabe, den schließlichen Genitalprozeß als die 
amphimiktische Summation früherer Erotismen darzustellen, 
können wir nur andeutungsweise nachkommen. Die aggressiven 
Impulse äußern sich beim Geschlechtsakt in der Gewalt- 
samkeit der Bemächtigung des Sexualobjektes und des 
Eindringens selbst; über die Verwendung der Anal- und 
Oralerotik beim Aufbau der mit der Genitalität so innig 
verknüpften Parentalerotik versuchen wir aber erst in 
den nun folgenden, nicht mehr aufzuschiebenden Ausfüh- 
rungen über die Entwicklungswege der weiblichen Sexualität 
einige Aufklärung zu geben. 

Die soeben kursorisch geschilderte Ausbildung der Genital- 
sexualität beim Manne erfährt beim weiblichen Wesen eine 
meist ziemlich unvermittelte Unterbrechung. Sie ist vor Allem 



Feroncii 



Versuch einer Genitaltheorie 



gekennzeichnet durch die Verlegung der Erogeneität von 
der Klitoris (dem weiblichen Penis) auf den Hohlraum der 
Vagina. Psychoanalytische Erfahrungen drängen uns aber 
die Annahme auf, daß bei der Frau nicht nur die Vagina, 
sondern auch andere Körperteile nach Art der Hysterie 
genitalisiert werden, so vor allem die Brustwarze und ihre 
Umgebung. Es ist wahrscheinlich, daß beim Stillen etwas 
von der verlorenen Immissions- und Ejakulationslust befriedigt 
wird, wie denn die Mamilla auch deutliche Erektilität zeigt. 
Es werden aber anscheinend beträchtliche Mengen oraler 
und analer Erotik auch auf die Vagina verschoben, deren 
glatte Muskulatur in ihren krampfhaften Kontraktionen wie 
in ihrer Peristaltik, die orale Ingressions- und die anale 
Retentionslust nachzuahmen scheint. Überhaupt regrediert 
die beim Manne deutlich urethral betonte Leitzone der 
Genitalität beim Weibe wieder wesentlich ins Anale, in- 
dem beim Geschlechtsakt der Hauptakzent auf das Be- 
herbergen des Penis, seines Sekretes, und der sich daraus 
entwickelnden Frucht verlegt wird (Parentalerotik). Aber 
auch die zum Teil verlassene männliche Tendenz, selbst 
in den Mutterleib zurückzukehren, wird nicht ganz aufgegeben, 
allerdings nur im Psychischen nicht, wo sie sich als phan- 
tastische Identifizierung mit dem penisbesitzenden Mann beim 
Koitus, als Empfindung des Penisbesitzes an der Vagina 
selbst („Hohlpenis"), wohl auch als Identifizierung des Weibes 
mit dem Kinde, das es im eigenen Leibe beherbergt, äußert. 
Die männliche Aggressivität schlägt in die passive Lust am 
Erleiden des Geschlechtsaktes (Masochismus) um, der eines- 
teils mit Zuhilfenahme sehr archaischer Triebkräfte (der 
Todestriebe Freuds) erklärbar wird, andernteils durch 



///. Entwicklungsstufen des erot ischen Realitätssinnes 35 

den psychischen Mechanismus der Identifizierung mit dem 
sieghaften Manne. All diese sekundären Wiederbesetzungen 
räumlich entfernter und genetisch überholter Lustmechanismen 
beim weiblichen Geschlecht scheinen gleichsam zum Trost 
für den verlorenen Penisbesitz instituiert worden zu sein. 

Vom Übergang der Frau von der (männlichen) Aktivität 
zur Passivität kann man sich im allgemeinen folgende Vor- 
stellung machen : die Genitalität des weiblichen Penis zieht 
sich regressive auf den ganzen Körper und das ganze Ich 
des Weibes zurück, aus dem sie ja — wie wir meinen — 
amphimiktisch entstanden ist, so daß die Frau einem 
sekundären Narzißmus anheimfällt, in erotischer Hinsicht 
also wieder mehr einem Kinde ähnlich wird, das geliebt 
werden will, also einem Wesen, das noch an der Fiktion 
der Mutterleibsexistenz in toto festhält. Als solches 
kann sie sich dann leicht mit dem Kinde im eigenen 
Leibe (bezw. mit dem Penis, als dessen Symbol) identifizie- 
ren und vom transitiven Eindringen auf das Intransitive 
(Passive) übergehen. Die sekundäre Genitalisierung des 
weiblichen Körpers erklärt auch die größere Neigung des- 
selben zur Konversionshysterie. 1 

Beobachtet man die Genitalentwicklung der Frau, so 
gewinnt man den Eindruck, daß diese beim ersten Geschlechts- 
verkehr meist noch ganz unfertig ist. Die ersten Koitus- 
versuche sind gleichsam nur Vergewaltigungsakte, bei denen 
sogar Blut fließen muß. Erst später lernt die Frau den 
Geschlechtsakt passiv zu ertragen, noch später lustvoll zu 
empfinden oder gar daran aktiv teilzunehmen. Doch auch 

1) S. „Hysterische Materalisationsphänomene", In „Hysterie und Patho- 
neurosen", 191g. (Vom Verf.) 

3* 



26 Versuch ein er Genitaltheorie 

im einzelnen Geschlechtsakt wiederholt sich die anfängliche 
Abwehr in Form eines Muskelwiderstandes der verengten 
Vagina, erst später wird die Scheide schlüpfrig und leicht 
zugänglich und nur zum Schluß kommt es zu Kontraktionen, 
die die Aspiration des Sekretes und die Einverleibung des 
Penis (wohl auch eine gegen ihn gerichtete Kastrations- 
absicht) zum Ziele zu haben scheinen. Diese Beobachtungen 
sowie gewisse phylogenetische Überlegungen, mit denen wir 
uns später eingehender beschäftigen wollen, legten uns die 
Auffassung nahe, daß sich hierin eine Kampfphase der Ge- 
schlechter individueU wiederholt, in der die Frau den kürzeren 
zog, da sie ja das Vorrecht, wirklich in den Mutterleib einzu- 
dringen, dem Manne überließ, sich selbst aber mit phantasie- 
mäßigen Ersatzprodukten und insbesondere mit dem Be- 
herbergen des Kindes, dessen Glück sie mitgenießt, begnügte.' 
Allerdings kommen dem Weibe, nach den psychoanalytischen 
Beobachtungen Groddecks, auch beim Gebären, versteckt 
hinter den schmerzlichen Wehen, Lustquantitäten zu, die 
dem männlichem Geschlechte versagt sind. 

Im Lichte dieser Betrachtungen erscheinen die Be- 
friedigungsarten der Perversen und die Symptome der 
Psychoneurotiker in einem neuen Lichte. Ihr Fixiertbleiben 
auf einer niedrigeren Stufe der Sexualentwicklung wäre so 
auch nur ein unvollkommenes Erreichen des Endzieles der 
erotischen Wirklichkeitsfunktion, der genitalen Wieder- 
herstellung der Mutterleibssituation. Aber auch die aktual- 
neurotischen Grundtypen, die Neurasthenie, die sich mit 

i) Dies ist in Kürze die von mir versuchte Konstruktion, auf die sich 
Freud in seiner Arbeit über das „Tabu der Virginität" bezieht (Samm- 
lung kleiner Schriften IV, 1918, S. 247)- 



III. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 37 

Ejaculatio praecox vergesellschaftet, und die Angstneurose, 
die mit einer Tendenz übertriebener Zurückhaltung einher- 
geht, lassen sich nunmehr durch das Überhandnehmen 
teils urethraler, teils analer Beimengungen zur Genitalität 
erklären, die daraus folgende Impotenz aber analytisch 
auf die Angst vor der Mutterleibssituation zurückfuhren. 
Die neuesten Untersuchungen Ranks bei Neurosenanalysen 
(„Das Trauma der Geburt", 1924) möchte ich als Bestätigung 
und Erweiterung der hier vertretenen Genitaltheorie ver- 
werten. 

Ich zweifle nicht, daß diese Gedankengänge in der Be- 
obachtung des Geschlechtslebens der Tiere schlagende Be- 
stätigungen finden werden, und bedauere nur, daß mir der 
Zugang zu diesem Wissensgebiete fehlt. Das Wenige, was 
mir darüber bekannt ist» scheint meine Auffassung von der 
Universalität des maternalen Regressionszuges und 
dessen deutliches Hervortreten beim Begattungsakte zu 
unterstützen. Ich verweise z. B. auf das schier endlose 
Verlängern des Geschlechtsaktes bei manchen Tieren, auf 
den Koitus bei den Spinnen, der 7 Stunden, bei den 
Fröschen, der vier Wochen dauern kann, dann auf die 
Dauervereinigung der Geschlechter bei gewissen Parasiten, 
unter denen es auch vorkommt, daß das Männchen sich 
zeitlebens im Schlünde oder im Uterus des Weibchens 
aufhält. Einen Höhepunkt erotischer Realitätsentwicklung 
erreichen wohl auch jene Parasiten, die fast die ganze 
Sorge um ihre Erhaltung dem Wirte überlassen und deren 
Organisation überwiegend der Geschlechtsfunktion dient. 



IV 

DEUTUNG EINZELNER VORGÄNGE BEIM 

GESCHLECHTSAKTE 

Nach diesen Betrachtungen wird es sich lohnen, auch 
die Einzelvorgänge des Geschlechtsaktes, von denen wir 
ja bisher eigentlich nur auf den Ejakulation akt näher ein- 
gegangen sind, einer Analyse zu unterziehen, als wären sie 
neurotische Symptome, 

Da ist vor allem der Vorgang der Erektion, für den 
sich aus der Mutterleibstheorie der Genitalität eine allerdings 
zunächst befremdende Erklärung darbietet. Ich nehme an, 
daß die Dauer-Invaginierung der Eichel in einer Schleim- 
hautfalte (in der Vorhaut), selbst nichts anderes ist als eine 
Nachahmung der Mutterleibsexistenz im Kleinen. Indem bei 
Steigerung der im Genitale sich ansammelnden Sexualspannung 
der empfindlichste Teil des Penis (der ja, wie gesagt, als 
narzißtischer Repräsentant des ganzen Ich fungiert) aus 
dieser geschützten Ruhelage durch die Erektion hinaus- 
gestoßen, gleichsam geboren wird, wird die Unlustempfindung 
am Genitale plötzlich bedeutend gesteigert und auch der 
plötzliche Drang verständlich, die verlorene Situation durch 
Immission in eine Vagina zu ersetzen, d. h. die bisher 
autoerotisch genossene Ruhelage in der realen Außenwelt, 
diesmal wirklich in einem weiblichen Körperinnern zu suchen. 



IV- Deutung einzelner Vorgänge beim Ge schlechtsakte 39 

Beim Genitalakte des Menschen geht aber der Ejakulation 
auch ein länger dauernder Friktionsakt voraus, zu dessen 
Verständnis ein weitausholender Gedankengang nötig ist. 

Bei gewissen Tieren, so sagen uns die Tierbeobachter, 
findet sich die sonderbare Reaktionsweise der Autotomie, 
die darin besteht, daß Organe, die geregt werden oder dem 
Tier sonstwie Unlust bereiten, mit Hilfe besonderer Muskel- 
aktionen einfach vom übrigen Körper losgelöst, d. h. im 
wahren Sinne des Wortes „fallen gelassen" werden. Es 
soll z. B. Würmer geben, die imstande sind, unter solchen 
Umständen ihren ganzen Darm aus dem Körper auszustoßen, 
andere zerspringen im Ganzen in kleine Stücke. Allgemein 
bekannt ist auch die Leichtigkeit, mit der die Eidechse 
ihren Schwanz in der Hand des Verfolgers zurückläßt, um 
ihn recht bald regenerieren zu lassen. Ich stehe nicht an, 
in dieser Reaktionsart eine Grundeigenschaft alles Lebenden 
zu suchen und anzunehmen, daß in ihr auch die biologische 
Vorstufe der Verdrängung, der Zurückziehung der psy- 
chischen Besetzung vom Unlustvollen liegt. 

Nun sagten wir eingangs, daß alle Unlustqualitäten und 
-Quantitäten, die während der Nützlichkeitsfunktion aller 
Organe unerledigt beiseite geschoben wurden, sich im Genitale 
ansammeln und an dieser Stelle abgeführt werden. Diese 
Abfuhr kann im Sinne der Autotom ietendenz keine andere 
sein als das Wegwerfenwollen des gespannten Organs. Vom 
Ich-Standpunkte haben wir bereits die Ejakulation als ein 
solches Ausscheiden unlustbereitender Stoffe beschrieben; 
eine ähnliche Tendenz können wir aber auch im Erektions- 
und Friktions Vorgang annehmen. Auch die Erektion ist 
vielleicht nur eine unvollständig gelingende Loslösungs- 



/ 



40 Versuch einer Genitaltheorie 

tendenz des mit Unlustqualitäten beladenen Genitales vom 
übrigen Körper. Wie beim Ejakulationsakt, können wir 
auch hier einen Kampf zwischen den Tendenzen des Los- 
lösen- und Behaltenwollens annehmen, der aber hier nicht 
mit dem Siege der Loslösungstendenz endigt. 1 Oder man 
könnte meinen, daß der Geschlechtsakt als Tendenz zur 
vollen Loslösung des Genitales, also als eine Art Selbst- 
kastrationsakt beginnt, dann aber sich mit der Loslösung 
des Sekretes begnügt. Die Mannigfaltigkeit in der Ge- 
schlechtsgebarung der Tiere gestattet es, die verschiedenen 
Ausgänge dieses Kampfes an extremen Beispielen zu be- 
obachten. Das Gürteltier Dasypus senkt einen im Verhältnis 
zur Körpergröße ungeheueren Penis in das weibliche Organ; 
der Giraffenpenis dagegen verjüngt sich beim Eindringen 
nach Art eines Teleskops, um schließlich in einem faden- 
förmigen Fortsatz zu enden, durch den das Ejakulat direkt 
in den Uterus befördert wird. 

Der Drang zur Genitalfriktion läßt vermuten, daß die 
vom ganzen Körper her angesammelte Unlust in der 
Form von Juckreizen am Genitale aufgestapelt ist, die 
dann durch eine Art Kratzen beseitigt werden. Nun ist aber 
der Kratzreflex selbst, wie wir vermuten, nur ein archaischer 
Rest der Autotomietendenz, d. h. ein Versuch, die juckende 
Körperpartie einfach mit den Nägeln wegzureißen; ein 
wirkliches Aufhören des Juckreizes kommt in der Tat 
meist nur durch ein Blutigkratzen der juckenden Körper- 
partie, also mittels wirklichem Wegreißen von Gewebteilen 
zustande. Vermutlich sind nun Erektion, Friktion und 

i) In der Autotomietendenz liegt auch die letzte Begründung der 
Zahnreiß-Symbolik für Samenverlust und für Geburt. 



IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 41 

Ejakulation ein vehement einsetzender, dann gemilderter 
Autotomievorgang, der mit dem Wegwerfenwollen des 
ganzen Organs beginnt, sich dann auf das Kratzen (Frik- 
tionieren) beschränkt, um sich schließlich mit dem Aus- 
scheiden einer Flüssigkeit zu begnügen. Selbstverständlich 
ist aber damit nur die eine (Ich-, Soma-)Seite des Vorgangs 
gekennzeichnet; vom Standpunkte des Keimplasmas, be- 
ziehungsweise der Libido ist dieser selbe Prozeß eine mit 
abnehmender Heftigkeit sich äußernde Bestrebung nach 
der Wiederkehr in den Mutterleib. 

Auf die tieferen Beweggründe der genitalen Selbstkastra- 
tionstendenz wollen wir noch zurückkommen. Es sei hier nur 
noch bemerkt, daß im Tierreiche zahllose Beispiele wirklicher 
Selbstkastration des Genitales vorkommen, wobei beim Akt 
nicht nur ein Sekret ausgeschieden wird, sondern auch der 
Penis abreißt. Auch kann man bei dieser Gelegenheit auf 
die Ringwulstbildung am Penis der Caniden hinweisen, die 
das „Hängen" der Männchen am weiblichen Genitale ver- 
ursacht und in dem Beobachter die Idee des Abreißen- 
könriens hervorruft. 

Die Werbearbeit, die der eigentlichen Paarung voran- 
geht, ist beim Menschen im Laufe der Kulturentwicklung 
derart abgeschwächt, vielfach ganz unkenntlich geworden, 
daß wir deren Sinn wiederum nur aus der Tierbeobachtung 
erkennen können. Wir erwähnten bereits, daß nach unserer 
Annahme die zentrale Tendenz der Wiederkehr in den 
Mutterleib beide Geschlechter gleicherweise beherrscht; die 
Werbetätigkeit kann demnach nichts anderes zum Ziele 
haben, als daß das weibliche Geschlecht unter Aufgeben 
oder Einschränken der eigenen realen Befriedigungsabsicht 



42 Versuch einer Genital 'tkeorie 



zum Erdulden des Geschlechtsaktes seitens des Männchens 
gefügig gemacht wird. Zwei Äußerungen des in dieser 
Frage gewiß maßgebenden Charles Darwin möchten wir 
zur Stütze dieser Behauptung anführen. „Das Weibchen 
nimmt" — sagt er gelegentlich — „wie die Erscheinungen 
uns manchmal zu glauben veranlassen, nicht das Männchen, 
das ihm am anziehendsten erscheint, sondern das ihm 
am wenigsten zuwider ist." In dieser Auffassung drückt sich 
wohl auch die von uns vertretene bevorzugte Stellung des 
männlichen Geschlechtes beim Geschlechtsakt aus. Anderen 
Ortes konstatiert Darwin, daß die sexuelle Variation im 
Sinne eines Geschlechtsdimorphismus stets beim männlichen 
Geschlechte beginnt, wenn sie auch dann später zum Teil 
auch vom Weibchen übernommen wird. All das stimmt 
übrigens ausgezeichnet zur Aussage Freuds, daß eigentlich 
alle Libido „männlich" ist, auch wenn sie (z. B. beim Weibe) 
passive Befriedigungsziele sucht. 

Wir meinen, daß die sekundären Geschlechts- 
merkmale, die also ursprünglich nur dem Männchen zu- 
kommen, als Waffen in einem Kampfe gebraucht werden, 
in dem es sich darum handelt, welcher von den Kämpfenden 
das geschlechtliche Eindringen in den Körper des Partners 
als Mutterleibersatz erzwingt. Wenn wir nun diese Waffen 
auf ihre Wirkungsweise prüfen, sehen wir, daß sie alle 
danach angetan sind, das Weibchen mit direkter Gewalt 
gefügig zu machen oder mit Hilfe hypnotischer Faszi- 
nierung zu lähmen. Zur ersteren Art der Kampf- 
organe gehören z. B. die sich zur Paarungszeit ausbildenden 
Daumenschwielen des Froschmännchens, die sich in die 
Achselhöhle des Weibchens einbohren; in diesem Sinne 



IV Deutung- einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 



43 



wirkt aber auch die größere Körperstärke des Mannes 
gegenüber der des Weibes, oder das Vorgehen gewisser 
Reptilienmännchen, die bei der Paarung durch Trommeln 
mit den Vorderextremitäten auf den Kopf des Weibchens 
sich dieses gefügig machen. Noch häufiger ist die Ein- 
schüchterung des Weibes durch Erschrecken, durch Auf- 
blähen des Körpers oder einzelner Teile (Kröte, Chamäleon), 
. durch Entfalten mächtiger Hautlappen, fleischiger Anhänge,' 
Kröpfe (viele Vögel), plötzliche starke Verlängerung und 
Aufrichtung der Nase (Beobachtung beim „See-Elefanten" 
von Darwin). Bei einer Robbenart (Cristophora cristata) 
entwickelt das Männchen bei der Paarung eine Klappmütze 
die größer ist als der Kopf. Bekannt ist das häufig vor- 
kommende Gefügigmachen des Weibchens durch Anbrüllen 
und Anschreien (Katzen). In ähnlichem Sinne wirkt wohl die 
Handlungsweise des Männchens einer malaischen Eidechsen- 
art, das sich dem Weibchen zur Paarungszeit mit hoch- 
aufgerichtetem Vorderteil nähert, wobei auf den Kehltaschen, 
die stark aufgeblasen sind, je ein dunkler Fleck von dem 
gelbrötlichen Grund sich stark abhebt. Diese Werbungsart 
scheint aber nebst der Schreckwirkung bereits auch Elemente 
der Faszinierung mit Hufe des Schönheitssinnes zu ent- 
halten, wie sie in viel deutlicherer Weise in der Entfaltung 
von Farbenpracht, in der Betätigung klangerzeugender 
Instrumente, in der Lichterzeugung (beim Johanniskäfer), in 
den Balzhandlungen, Tänzen, Schwanzradschlagen, Singflügen 
und dem Lockgesang so vieler Vögel sich äußert. 

Die nächste Analogie, die sich einem bei der Betrachtung 
dieser Vorgänge aufdrängt, ist, wie schon angedeutet, die 
mit der Hypnose. Auf Grund psychoanalytischer Beob- 



44 Versuck einer Genitaliheone 



achtungen mußten wir zweierlei Mittel, die zur Erzeugung 
hypnotischer Gefügigkeit geeignet sind, unterscheiden. Wir 
nannten sie Vater- und Mutterhypnose. ' Die erstere lähmt 
ihr Opfer mit Hilfe der Einschüchterung, die letztere durch 
einschmeichelndes Verhalten. In beiden Fällen regrediert, 
so meinten wir, das hypnotisierte Individuum auf die Stufe 
eines eingeschüchterten Kindes; die eigentümlichen katalepti- 
schen Haltungen der Hypnotisierten legen es aber nahe, 
anzunehmen, daß dabei auch eine tieferreichende Regression 
in den Mutterleib mit am Werke ist (Bjerre). Daß in den 
sekundären Geschlechtsmerkmalen und in deren Betätigung 
so oft das Männchen die von mir als weiblich hervor- 
gehobenen Merkmale der Schönheit, die weibliche Funk- 
tion des Einlullens, des Einschläferns übernimmt, wird 
uns bei der allgemeinen Bisexualität der Individuen, die 
sich geschlechtlich fortpflanzen, weiter nicht überraschen. 
Wir vermuten also, daß das Weibchen bei der Werbe- 
arbeit durch eine hypnotische Mutterleibregression betört 
und durch diese phantastische Glückssituation für das an 
sich unlustvolle Erdulden des Sexualaktes entschädigt 
wird. Wenn wir aber, wie es auch die Zoologen tun, alle 
körperlichen Sexualwerkzeuge, die nicht unmittelbar mit 
der Produktion der Geschlechtsdrüsen zu tun haben, als 
sekundäre Merkmale des Geschlechtes betrachten, so müssen 
wir eigentlich auch die Begattungsorgane, den Penis und 
die Vagina, für solche halten. Und in der Tat kann man 
sich des Eindruckes nicht erwehren, daß die Ostentation 
der Geschlechtsorgane, die Entfaltung des Penis, das Zeigen 

i) „Introjektion und Übertragung", Jahrb. für Psychoanalyse I. 1909- 
(Vom Verfasser.) 



IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 45 

der Vagina, an und für sich faszinierend wirken, d. h. im 
zuschauenden Partner die Phantasie der Mutterleibssituation 
erwecken können. 

Besondere Hervorhebung verdienen unter den Ver- 
anstaltungen der Anlockung jene, die sich eigenartiger 
Düfte bedienen. Bekannt ist die Rolle des Baldriangeruches 
bei sich begattenden Katzen, die des Bock- und Moschus- 
duftes, die anziehende Kraft des Schmetterlingweibchens, 
das, wie beobachtet, die Männchen von der viele Kilometer 
entfernten Wiese in die Stadt locken konnte. Es unterliegt 
aber keinem Zweifel, daß auch auf die höheren Tiere und 
den Menschen der spezifische Geruch der weiblichen 
Genitalien sexuell erregend wirkt, wohl auch nur dadurch, 
daß dieser Geruch die Sehnsucht nach dem Mutterleibe 
erweckt. Das Kaninchen z. B. wird impotent, wenn man seine 
Riechnerven durchschneidet. Wir dürfen nicht außer acht 
lassen, daß die allerersten und darum für das ganze Leben 
bedeutsamen Sinneseindrücke das Kind während der Geburt, 
also im Geburtskanal treffen. (Groddeck). 

Das allgemeine Verhalten der sich Begattenden während 
des Geschlechtsaktes selbst, die Emotionen, die sie dabei 
äußern, sind bis jetzt am wenigsten beachtet worden. Als 
ob in diesen Affekten der Mensch seine tiefsten Geheim- 
nisse bewahrte, hindert ein schier unüberwindliches Scham- 
gefühl die Menschen, hierüber Auskunft zu geben. Selbst 
in der psychoanalytischen Exploration, wo der Analysierte 
über alle Regungen Mitteilung machen muß, lernt er es 
immer nur zuletzt, wenn nötig auch den subjektiven Er- 
regungsablauf beim Geschlechtsakt zu beschreiben, nachdem 
er längst gewohnt war, dessen objektiven Hergang ohne 



4 g Versuch ei ner Genitaltheorie 

Rückhalt anzugeben. Was ich darüber gelegentlich erfahren 
konnte, ist folgendes: Man ist vom Anfang bis zum Schluß 
von einem Zwang zur Attraktion an den Partner beherrscht; 
man fühlt sich dazu gedrängt, die räumliche Entfernung zwi- 
schen sich und dem Partner auf jede mögliche Art aufzuheben 
(siehe dazu die Eingangs hervorgehobene Tendenz zu den 
„Brückenbildungen": Küssen, Umarmen). Man kann nicht 
umhin, zu behaupten, daß die gegenseitige Attraktion nichts 
anderes ist, als die Äußerung der phantastischen Tendenz, 
sich mit dem Körper des Partners förmlich zu verschmelzen, 
oder vielleicht sich in toto in ihn (als Mutterleibersatz) 
einzubohren; die schließliche geschlechtliche Vereinigung ist 
nur die teüweise Verwirklichung dieser Absicht. Die Spannung, 
die die Partner dabei „in Atem hält", ist an sich unlust- 
voll, und nur die Hoffnung auf die zu gewärtigende baldige 
Entspannung macht sie auch lustvoll. Die Art der Unlust- 
spannung hat viel Ähnlichkeit mit der Angst, von der wir 
übrigens seit Freud wissen, daß sie immer die unlust- 
vollen Sensationen bei der Erschütterung durch das Ge- 
borenwerden reproduziert. 

Es scheint, daß wir uns mit der Idee von der Über- 
determinierung eines und desselben Vorganges, wie sie 
uns bei psychischen Vorgängen die Psychoanalyse lehrt, 
auch bei der Erklärung physiologischer Vorgänge vertraut 
machen müssen. Je eingehender wir die Vorgänge beim 
Geschlechtsakte beobachten, umso augenscheinlicher wird 
es, daß er nicht nur ein lustbetonter Vorgang ist (d. h. die 
Darstellung der glücklichen Mutterleibssituation), sondern 
daß er auch unlustvolle Ereignisse reproduziert (wahr- 
scheinlich die erste ängstliche Emotion beim Geboren- 



IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 47 

werden). Noch wahrscheinlicher ist, daß diese Affekte nicht 
regellos zur Äußerung gelangen, sondern in einer historisch 
bestimmten Reihenfolge. Die Steigerung der Unlustspannung 
und deren Kulminierung in der orgastischen Befriedigung 
wäre demnach die gleichzeitige Darstellung zweier Ten- 
denzen von gegensätzlicher Richtung : die Wiederholung der 
unlustvollen Geburtssituation mit ihrem glücklichen Ausgang 
ins Geborenwerden und die Wiederherstellung der noch 
ganz ungestörten Mutterleibssituation durch Wiedereindringen 
in den Mutterleib. 

Die auffälligsten körperlichen Begleiterscheinungen dieser 
Emotionen äußern sich an der Atmung und am Blut- 
kreislauf der sich Begattenden. Die Atmung ist sichtlich 
dyspnoisch, die Pulsfrequenz gesteigert; erst im Orgasmus 
kommt es zu tieferem, vollbefriedigendem Aufatmen, und 
zur Beruhigung der Herztätigkeit. Es liegt nahe, in diesen 
Störungen die Rekapitulierung jener großen Anpassungs- 
leistung zu erblicken, die die Umwandlung der foetalen Art 
der Sauerstoffversorgung in die extrauterine erforderte. Ob 
man mit der Analogisierung des Koitus und des Geburts- 
prozesses soweit gehen darf, daß man auch die Rhythmik 
der Begattung als die abgekürzte Wiederholung der peri- 
odischen Schwankungen in der Wehentätigkeit auffaßt, 
möchte ich dahingestellt sein lassen. 1 

Wir dürfen es nicht unerwähnt lassen, daß der Koitus 
deutlich auch von aggressiven Affekten begleitet ist. Diese 



1) Die nahe Verwandtschaft zwischen An|gst und Libido ist eine 
der Grundlagen der Freudschen Lehre. Schon die ersten psycho- 
analytischen Publikationen Freuds weisen auf die Wesensgleichheit der 
Symptome der Angstneurose mit den Emotionen des Koitus hin. 



48 Versuch einer Genitaltheorie 

im Kapitel über „Entwicklungsstufen des erotischen Realitäts- 
sinnes" bis zur Genitalität verfolgte Komponente äußert 
sich während des Geschlechtsaktes in immer heftiger 
werdenden Muskelaktionen, die nicht nur das Festhalten 
des Liebesobjektes zum Ziele haben, sondern unzweideutig 
auch sadistische Züge aufweisen (Beißen, Kratzen). Auch 
die ersten Lebensäußerungen des Neugeborenen weisen 
darauf hin, daß die während des Geburtsaktes erlebte 
traumatische Erschütterung, insbesondere die Fesselung im 
Geburtskanal, nicht nur Angst, sondern auch Wut hervor- 
ruft, die dann im Koitusakt gleichfalls zur Wiederholung 
gelangen muß.' 

Der Zustand der sich Begattenden in und nach dem Orgas- 
mus ist vor allem durch eine weitgehende Einschränkung oder 
auch volle Aufhebung des Bewußtseins (das normalerweise 
auch schon vorher auf die Tendenz zur Erreichung des 
Genitalzieles eingeschränkt war) gekennzeichnet. Beispiele 
aus dem Tierreiche zeigen uns allerdings diese Konzen- 
trierung auf das Befriedigungsgefühl noch viel deutlicher, 
es kommt nämlich hier zur vollen Aufhebung auch der 
Schmerzempfindlichkeit. Es gibt Eidechsenarten, die sich in 
Stücke reißen lassen, aber den Genitalakt nicht unterbrechen, 
Lurche, die sich beim Begattungsakt durch Verstümmelungen 
nicht stören lassen. Die Kaninchen verfallen beim Orgasmus 
in eine Art Katalepsie, fallen bewußtlos um und bleiben mit 
dem Penis in der Vagina längere Zeit an der Seite des 

1) Möglicherweise ist das Gefühl der ohnmächtigen Wut überhaupt 
ein integrierender Bestandteil des Angstaffektes. — Siehe zu dieser Auf- 
fassung des „Sadismus" Rank: Das Trauma der Geburt (Abschn.: Die 
sexuelle Befriedigung). 



IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 49 

Weibchens regungslos liegen. Wir sind nur folgerichtig, wenn 
wir diese Zustände und das sie begleitende Gefühl voller 
Befriedigung und Wunschlosigkeit als das unbewußt hallu- 
zinatorische Erreichen des Begattungszieles seitens des 
Individuums als Ganzes, der Mutterleibsexistenz, unter 
gleichzeitigem symbolischen und realen Erreichen dieses 
Zieles durch die Genitalien und Geschlechtszellen auslegen. 
Wahrscheinlich gelangt aber dabei auch die glückliche 
Überwindung des Geburtstraumas zur Darstellung. Über die 
beim Orgasmus vermuteten Besetzungsänderungen wollen 
wir uns bald etwas ausführlicher äußern und begnügen 
uns hier mit dieser Beschreibung. 

Zum Schluß möchte ich nur noch darauf hinweisen, daß 
sowohl beim Menschen als auch bei vielen Tiergattungen 
eine innige Beziehung zwischen den Begattungsfunktionen 
und dem Schlafen besteht. Das entspricht gewiß unserer 
theoretischen Erwartung, da wir doch sowohl den Schlaf 
als auch den Genitalakt als Regressionen zum Intrauterin- 
leben betrachten. Mit den Analogien und den Unter- 
schieden beider wollen wir uns noch näher befassen, hier 
möchten wir nur feststellen, daß sehr viele Tiere, aber auch 
die Menschen, nach dem Koitus gerne in Schlaf verfallen. 
Nach den psychoanalytischen Erfahrungen sind die meisten 
Fälle von psychischer Schlaflosigkeit auf Störungen der 
Genitalfunktion zurückführbar und erst durch deren Be- 
seitigung heilbar. 



Ferenczi 



V 

DIE INDIVIDUELLE GENITALFUNKTION 

Wir fragen uns nun, ob wir auf Grund dieser und 
ähnlicher Beobachtungen über den Ablauf und die ontogene 
Entwicklung der Begattungsfunktion in der Lage sind, endlich 
etwas über den Sinn dieses mit so merkwürdiger Einförmigkeit 
in einem großen Teile der Tierwelt periodisch wiederkehrenden 
Vorganges auszusagen. 

Rein physiologisch betrachtet erschien uns der Koitus als 
der periodisch einsetzende Schlußakt der Ausgleichung einer 
während des ganzen individuellen Lebens sich ansam- 
melnden, jede nichterotische Organbetätigung begleitenden 
unlusterzeugenden Libidosparmung, die von den einzelnen 
Organen auf „amphimiktischem" Wege aufs Genitale ver- 
legt wurde. In den Vorgängen der Begattungsfunktion 
sind also sämtliche Mengen und Arten der unbefriedigten 
Libido aller Organe und besonders aller beim Erwachsenen 
aufgelassenen erogenen Zonen und Organisationsstufen ver- 
einigt. Ohne über die Natur der hiebei sich abspielenden 
physiologischen Vorgänge auch nur eine Andeutung geben 
zu können, weisen wir auf die Analogie der Endprozesse 
des Begattungsaktes mit den Ausscheidungsfunktionen hin, 
und vermuten, daß im Erektions- und Ejakulationsvorgange 
(der bekanntlich auch beim Weibe angedeutet ist) alle 



V. Die individuelle Genitalfunktion 51 



jene Autotomietendenzen summiert sind, deren Ausführung 
während der „Nützlichkeitsfunktion 4 ' unterlassen wurde. Ein 
Lebewesen mit entwickelter Genitalfunktion ist also auch in 
Bezug auf seine nichterotische Betätigung den Lebensauf- 
gaben besser angepaßt, es kann die erotischen Befriedigungen 
aufschieben, bis sie die Erhaltungsfunktionen nicht mehr 
stören. Man kann also behaupten, daß das Genitale auch 
„nützliches" Organ ist, das die Zwecke der Wirklichkeits- 
funktion fördert. 

Wir können uns über die Besetzungsänderungen nach er- 
folgter Genitalbefriedigung nur äußerst unklare Vorstellungen 
bilden, und nur über die psychologische Seite des orgasti- 
schen Prozesses möchten wir uns getrauen, eine etwas 
konkretere Ansicht zu äußern. Es hat den Anschein, als 
ob unter den Bedingungen der Begattung eine aufs höchste 
gesteigerte Spannung unerwartet und ungemein leicht 
zur Lösung käme, so daß eine große Menge von Besetzungs- 
aufwand plötzlich überflüssig wird. Daher die ungeheuer 
starke Lustempfindung, die also auch hier, wie nach Freud 
bei der Witzeslust, auf ersparten Besetzungsaufwand zurück- 
zuführen wäre. 1 Dieser Empfindung könnte aber irgend eine 
„genitofugale" Rückströmung der Libido in die Körper- 
organe parallel laufen, das Gegenstück jener „genitopetalen" 
Strömung, die in der Spannungsperiode die Erregungen von 
den Organen zum Genitale leitete. Im Momente dieser Rück- 
strömung der Libido vom Genitale zum ganzen übrigen 
psychophysi sehen Organismus kommt es zu jenem „Glück- 

1) Auf solche Aufwandersparnis ist auch das wollüstige Kitzel- 
gefühl zurückzuführen. Übrigens dürften die meisten „kitzlichen" Körper- 
partien „genitalisiert" sein, besonders die Achselhöhle. 



52 Versuch einer Genitaltheorie 



Seligkeitsgefühl", in dem die Nützlichkeitsfunktion der Organe 
ihre Belohnung und zugleich den Ansporn zu erneuter 
Arbeitsleistung findet. 1 

Der Vorgang bei der Genitalbefriedigung ist gleichsam 
die eruptive Genitalisierung des ganzen Organismus, die 
mit Hilfe der Friktionsarbeit erreichte vollkommene Identi- 
fizierung des ganzen Organismus mit dem Exekutivorgan. 
Mag uns aber diese Betrachtungsweise des Begattungs- 
prozesses vom Standpunkte der psychisch-physischen Öko- 
nomie noch so anziehend erscheinen, sie gibt uns immer 
noch keine Aufklärung darüber, warum die sexuelle 
Energieansammlung und Energieabfuhr in einem so großen 
Teile des Tierreiches gerade diese Form angenommen 
hat; ohne die Beantwortung dieser Frage können wir 
aber das Gefühl der zureichenden Determinierung nicht 
haben. Wir haben nun von der Psychoanalyse gelernt, daß 
solchem Mangel, wenigstens bei psychischen Vorgängen, 
abgeholfen werden kann, wenn man die rein ontologische 
(deskriptiv-ökonomische) Betrachtungsweise durch die histo- 
risch-genetische ergänzt. Demgemäß versuchten wir auch, 
die Triebäußerungen der Sexualität, wie früher schon die 
Äußerungsformen des Wirklichkeitssinnes, aus der Tendenz 
zur Wiederherstellung der antenatalen Situation abzuleiten, 
als ein Kompromiß zwischen dieser im Leben anscheinend 
ganz aufgegebenen, in Wahrheit nur beiseitegeschobenen 
Strebung, und den Hindernissen, die sich ihr in der 
Wirklichkeit in den Weg stellen. Uns erschienen also die 

i) Die Idee von der genitopetalen Libidoströmung und von deren 
Umkehrung im Orgasmus wurde vom Verfasser bereits in der Wiener 
Diskussion „Über Onanie" (1912) angedeutet 






V. Die individuelle Genitalfunktiou 53 

von Freud beschriebenen Etappen der Sexualentwicklung 
als unablässig wiederholte Versuche zur Wieder erreichung 
jenes Zieles, die Genitalorganisation selbst aber als ein 
endliches, wenn auch nur teilweises Erreichen des vom 
Triebe Geforderten. Nun scheint es aber, daß diese Trieb- 
befriedigung nicht geradenwegs auf ihr Ziel losgehen kann, 
sondern immer auch die Entstehungsgeschichte des Triebes 
selbst wiederholen muß, mithin auch den an sich unlust- 
vollen Anpassungskampf, den das Individuum bei der Störung 
einer früheren Lustsituation zu bestehen hatte. Der erste 
und stärkste Anpassungskampf im Leben des Einzelwesens 
war das erschütternde Erlebnis des Geborenwerdens und die 
Anpassungsarbeit, zu der es von der neuen Existenzlage 
gezwungen wurde. Wir meinten denn auch, daß der Koitus 
nicht nur die zum Teil phantastische, zum Teil reale Wieder- 
kehr in den Mutterleib bedeutet, sondern daß in seiner 
Symptomatik auch die Geburtsangst und deren Überwindung, 
das glückliche Geborenwerden, zur Darstellung gelangen. 
Allerdings sorgen bei der Begattung sinnreiche Einrichtungen 
dafür, daß die Angstgröße ein gewisses Maß nicht über- 
steigt, und eine noch viel reichlichere Vorsorge ist dafür 
getroffen, daß diese Angst durch die plötzliche, fast voll- 
kommene Erreichung des Befriedigungszieles (des Frauen- 
leibes) in eine ungeheuere Lust verwandelt werde. 

Wir können diese Hypothese mit jenen Beispielen in Be- 
ziehung zu bringen, die Freud zur Illustration des Wieder- 
holungszwanges in seiner Arbeit , Jenseits des Lustprinzips" 
(1921) anführt. Der Wert dieser Analogie wird vielleicht 
noch gesteigert dadurch, daß sie auf Grund ganz anderer 
Voraussetzungen zu den nämlichen Ergebnissen gelangt. 



e . Versuck einer Genitaltheorie 



Gewisse Symptome der traumatischen Neurose und 
gewisse merkwürdige Einzelheiten des kindlichen Spieles 
erklärt Freud aus dem Zwang, unerledigte und ob ihrer 
Intensität en bloc nicht zu erledigende Erregungsmengen, 
in unzähligen Wiederholungen, aber stets nur in kleinen 
Dosen, allmählich abzuführen. Auch wir betrachten nun 
den Koitus als solche partielle Abfuhr jener immer noch un- 
erledigten Schockwirkung, die das Geburtstrauma hinterließ; 
zugleich erscheint er uns aber als ein Spiel, treffender gesagt: 
ein Erinnerungsfest, bei dem die glückliche Befreiung aus der 
Not gefeiert wird; schließlich stellt sie aber auch die negativ 
halluzinatorische Leugnung des Traumas überhaupt dar. 
Auf die von Freud aufgeworfene Frage, ob die Wieder- 
holung ein Zwang oder eine Lust sei, ob sie diesseits oder 
jenseits des Lustprinzips liege, könnten wir, wenigstens in- 
Bezug auf den Begattungstrieb, keine einheitliche Antwort 
geben. Wir glauben, daß sie, insoferne sie jene Schock- 
wirkung allmählich ausgleicht, ein Zwang ist, d. h. eine von 
äußerer Störung erzwungene Anpassungsreaktion. Insoferne 
aber dabei die erfolgte Störung negativ halluzinatorisch ge- 
leugnet oder die Erinnerung an deren Überwindung gefeiert 
wird, haben wir es dabei mit reinen Lustmechanismen zu tun. 
Manches weist darauf hin, daß die Triebenergien zwischen 
Soma und Keimplasma ungleich verteilt sind; es ist, als ob 
der größte Teil der unerledigten Triebe im Keimplasma 
aufgestapelt wäre, also größtenteils von ihm der traumatische 
Wiederholungszwang ausginge, der bei jeder Wiederholung 
(jeder Begattung) sich eines Teiles der Unlust entledigt. 
Man ist versucht, die sich beim Genitalakt äußernden 
Selbstkastrationstendenzen auf das Bestreben zurückzuführen, 



V. Die individuelle Gemtalfunktion 55 



die unlusterzeugende Sexualmaterie im ganzen oder partien- 
weise aus dem Körper auszustoßen. Gleichzeitig ist aber 
beim Koitus auch für die Eigenbefriedigung des individuellen 
Somas gesorgt, d. h. für die nachträgliche Erledigung der 
im Leben erlittenen kleineren Traumata in der Form einer 
spielend leichten Bewältigung. 

In diesem Spielerischen sehen wir das rein lustvolle 
Element der genitalen Befriedigung und mit ihrer Hilfe 
glauben wir endlich in der Lage zu sein, etwas allgemeines 
über die Psychologie der Erotik auszusagen. 

Die meisten Triebbetätigungen werden bekanntlich bei 
Störungen, die den Organismus von außen treffen, oder bei 
gleichfalls unlustvollen Veränderungen im Körperinneren irr 
Gang gesetzt. Bei den Spieltrieben aber, zu denen wir 
also in gewissem Sinne auch die erotischen rechnen möchten, 
schafft der Trieb selbst eine Unlust, um dann die Lust 
bei deren Beseitigung zu genießen. 1 Das Spielerische und 
das Erotische sind also dadurch charakterisiert, daß dabei 
im Gegensatz zur sonst unerwartet eintreffenden Unlust- 
situation, erstens die Unlust nur in einer bekannten und 
mäßigen Dosierung zugelassen - wird, zweitens für die Be- 
seitigungsmöglichkeit von vorneherein, oft sogar in über- 
reicher Weise gesorgt ist. In diesem Sinne möchte ich 
z. B. den Hunger für einen einfachen Trieb zur Beseitigung 
einer körperlichen Entbehrungsunlust ansehen, den Appetit 
aber als die erotische Parallele dazu, da doch beim Appetif 
die sichere Erwartung ausreichender Befriedigung jene kleine 
Entbehrung sogar als Vorlust genießen läßt. Wir meinen 
nun, daß auch die Einrichtungen der Sexualität, speziell 
1) Siehe auch Rank „Der Künstler", 1907. 



56 



Versuch einer Genitaltheorie 



auch die der Begattungsfunktion, in kunstvoller Weise so 
angeordnet sind, daß auf die Befriedigung mit Sicherheit 
gerechnet werden kann. Auch die Sexualität spielt also 
nur mit der Gefahr. Nach unserer Beschreibung wird bei 
der Genitalsexualität die ganze Sexualspannung des 
Organismus in eine Art Juckreiz der Genitalien kon- 
vertiert, 1 der ungemein leicht beseitigt werden kann, gleich- 
zeitig wird aber auch die Mutterleibsregressionstendenz des 
ganzen Organismus auf einen Körperteil, das Genitale, über- 
geleitet, an dem sie ohne Schwierigkeit zu verwirklichen ist. 

Der Begattungsakt erinnert also an jene „Schauspiele/' 
in denen sich zwar auch Gewitterwolken zusammenballen, wie 
•in einer wirklichen Tragödie, man aber immer die Empfin- 
dung hat, daß die Sache ,,gut ausgehen" wird. 3 

Wir können uns als Motiv solcher spielerischen Wieder- 
holung nur die Erinnerung an die einmal glücklich erlebte 
Befreiung von Unlust vorstellen, wie sie auch von Freud 
als eines der Motive der Kinderspiele angegeben wird. Die 
Tatsache, daß es dem Menschen gelingt, die große Gefahr- 
situation bei der Geburt zu überleben und die Lust, die 
Existenzmöglichkeit auch außerhalb des Mutterleibes ge- 
funden zu haben, bleiben unauslöschlich in der Erinnerung 
eingeprägt und drängen zur periodischen Wiederherstellung 
einer ähnlichen, allerdings abgeschwächten Gefahr, nur damit 

i) Die Umkehrung dieses Prozesses wäre die hysterische Konversion, 
die Umwandlung der Genitalerregung in anderweitige Körperinnervation. 

2) Es freute mich, im jüngst erschienenen schönen Werke Ossipows: 
„Tolstois Kindheitserinnerungen" (1923) diese Auffassung über die Erotik 
wiedergefunden zu haben. Auch er vergleicht die sexuelle ängstliche 
Lust mit dem Appetit, im Gegensatz zu ernsthaften Entbehrungen, 
z. B. dem Hunger. 



V. Die individuelle Genitalfunktion 57 



man die Lust bei deren Beseitigung wieder genießen könne. 
Es ist möglich, daß die im Begattungsakt erlebte zeitweilige 
Wiederkehr in den Mutterleib und die gleichzeitige spiele- 
rische Wiederholung und Bewältigung aller Gefahren, die 
die Geburts- und Anpassungskämpfe des Lebens mit sich 
brachten, in demselben Sinne erfrischend wirkt, wie die 
allnächtliche Schlafregression. Die periodisch zugelassene 
Herrschaft des Lustprinzips mag dem schwer kämpfenden 
Lebewesen zum Trost gereichen und ihm die Kraft zu 
weiterer Arbeit verleihen. 

Wir müssen gestehen, daß wir die Beharrlicnkeit, am 
zentralen Gedanken des maternalen Regressionszuges trotz 
aller Denkschwierigkeiten festzuhalten, hauptsächlich einer 
psychoanalytischen Erfahrung verdanken. Es ist zu auffällig, 
mit welcher Konsequenz und in welch verschiedenartigen 
psychischen Gebilden (Traum, Neurose, Mythus, Folk- 
lore usw.), Koitus und Geburt mit dem gleichen Symbol 
der Rettung aus einer Gefahr, insbesondere aus dem 
Wasser (Fruchtwasser) dargestellt ist; 1 wie die Sensationen 
des Schwimmens, Schwebens, Fliegens gleicherweise 
die Empfindungen beim Koitus, wie auch die der Mutter- 
leibsexistenz ausdrücken und schließlich wie das Genitale 
so vielfach mit dem Kinde symbolisch gleichgesetzt wird. 2 

i) Siehe Rank: Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909 und 
Rank: Die Symbolschichtung im Wecktraum. Jahrb. f. Psychoanalyse, 1912. 

2) Sollte sich unsere Hypothese einmal bewahrheiten, so würde sie 
ihrerseits klärend auf die Entstehungsweise der Symbole überhaupt 
rückwirken. Den echten Symbolen käme dann der Wert historischer 
Denkmäler zu, sie wären geschichtliche Vorläufer aktueller Be- 
tätigungsarten und Erinnerungsreste, zu denen man physisch und 
psychisch zu regredieren geneigt bleibt 



58 



Versuck einer Genitaltheorie 



Damit glauben wir aber 3 den ganzen Sinn des im Orgasmus 
endigenden Genitalaktes erfaßt zu haben. Indem die ge- 
wöhnlich nur aufs Genitale beschränkte Libidospannung 
plötzlich auf den ganzen Organismus ausstrahlt, wird der 
Organismus für einen Augenblick nicht nur zum Mitgenießer 
der Genitalien, sondern auch zum Wiedergenießer der 
intrauterinen Glückseligkeit. 

Nach der hier dargestellten Auffassung faßt also die 
Begattungsfunktion eine ganze Reihe von Lust- und Angst- 
momenten in einen Akt zusammen: die Lust der Befreiung 
von störenden Triebreizen, die Lust der Wiederkehr in 
den Mutterleib, die Lust der glücklich beendigten Geburt; 
anderseits die Angst, die man beim Geburtsakt erfahren 
hat und jene, die man bei der (phantasierten) Wiederkehr 
empfinden müßte. Indem die reale Wiederkehr auf das 
Genitale und dessen Sekret beschränkt wird, während sich 
der übrige Körper unversehrt erhalten kann (und die Re- 
gression „halluzinatorisch" mitmacht), gelingt es im Orgasmus 
jedes Angstmoment auszuschalten und den Begattungsakt 
mit dem Gefühle voller Befriedigung zu beendigen. 

Ein unklarer Punkt in unserer Beweisführung bleibt unleug- 
bar die merkwürdige Vereinigung, der Befriedigungslust und 
der Arterhaltungsfunktion im Begattungsakte. Wir müssen 
zugeben, daß hiefür die Ontogenese der Individuen keine 
zureichende Erklärung gibt und wollen nun sehen, ob nicht 
der Versuch der bisher vorsichtig gemiedenen phylogeneti- 
schen Parallele einen Schritt weiterhilft. 



B) 

PHYLOGENETISCHES 



VI 
DIE PHYLOGENETISCHE PARALLELE 

Um uns das nachträgliche Geständnis zu ersparen und 
die Entschuldigung für das gewagte Unternehmen, auf 
ein fremdes Wissensgebiet einzudringen, vorwegzunehmen, 
möchten wir gleich hier betonen, daß die Idee, zu der 
individuellen Katastrophe der Geburt und ihrer Wieder- 
holung im Begattungsakt eine Art geschichtliche Parallele 
zu suchen, uns nicht etwa durch naturwissenschaftliche Tat- 
sachen aufgedrängt wurden, sondern wieder nur durch die 
psychoanalytische Erfahrung, im Besonderen durch Erfah- 
rungen auf dem Gebiete der Symbolik. Ist man einmal im Vor- 
urteil, daß in den symbolischen oder indirekten Äußerungs- 
formen der Seele und des Körpers ganze Stücke unter- 
gegangener und auf andere Art unzugänglicher Geschichte — 
nach Art hieroglyphischer Inschriften aus einer Urzeit — kon- 
serviert sind, durch hundertfältige Beobachtung bestärkt, und 
hat sich einem diese Schriftzeichenentzifferung in der Ge- 
schichte des Individuums so vielfach bewährt, so ist es 
vielleicht verständlich und verzeihlich, wenn man es wagt, 
sich dieser Chiffriermethode auch bei den großen Geheim- 
nissen der Artentwicklungsgeschichte zu bedienen. Wie 
unser Lehrmeister Freud bei ähnlichen Versuchen zu wieder- 
holen pflegt, ist es ja keine Schande, wenn man sich bei 



62 



Versuck einer Genitaltheorie 



solchen Ausflügen ins Unbekannte verirrt. Schlimmstenfalls 
wird dann auf dem Wege, den wir gegangen sind, eine 
Warnungstafel angebracht, die dann anderen erspart, in 
die Irre zu gehen. 

Der Ausgangspunkt aller nun folgenden Spekulationen 
war also, um es gleich zu sagen, die außerordentliche 
Häufigkeit, mit der in den verschiedensten normalen und 
pathologischen psychischen Gebilden, in Produkten der 
individuellen und der Massenseele das Fischsymbol, 
d. h. das Bild eines im Wasser schwebenden oder schwim- 
menden Fisches, sowohl den Begattungsakt als auch die 
Mutterleibsituation ausdrückt. Es geschah nun bei einer 
besonders eindrucksvollen Beobachtung dieser Art, daß 
uns die phantastische Idee durch den Kopf schoß, ob in 
dieser Symbolik nebst der rein äußerlichen Ähnlichkeit 
der Situation des Gliedes in der Scheide, des Kindes im 
Mütterleibe und des Fisches im Wasser, nicht auch ein 
Stück phylogenetisches Wissen um unsere Herkunft von 
wasserbewohnenden Wirbeltieren ausdrückt. Der Mensch 
stammt ja, wie es uns die Universitätslehrer einprägten, 
wirklich vom Fisch ab, und der berühmte Amphyoxus 
lanceolatus wird als Stammvater aller Wirbeltiere, also 
auch des Menschen geehrt. 

Nachdem aber einmal dieser Gedanke auftauchte, meldeten 
sich zu seiner Stütze von allen Seiten — allerdings immer 
noch recht abenteuerliche — Argumente. Wie denn, 
dachten wir uns, wenn die ganze Mutterleibsexistenz 
der höheren Säugetiere nur eine Wiederholung 
der Existenzform jener Fischzeit wäre und die Ge- 
burt selbst nichts anderes, als die individuelle Re- 



VI. Die phylogenetische Parallele 63 

kapitulation der großen Katastrophe, die so viele 
Tiere und ganz sicher auch unsere tierischen Vor- 
fahren beim Eintrocknen der Meere zwang, sich 
dem Landleben anzupassen, vor allem auf die 
Atmung durch Kiemen zu verzichten und sich Luft- 
atmungsorgane zuzulegen. Und wenn Altmeister 
Haeckel den Mut hatte, das biogenetische Grandgesetz 
von der kursorischen Wiederholung der Artgeschichte in 
der Embryonalentwicklung (Palingenese) aufzustellen, 
warum sollte man nicht weitergehen und annehmen, daß 
auch in der Entwicklung der Schutzmaßnahmen für 
den Embryo (Coenogenese) ein Stück Artgeschichte, 
die Geschichte der Veränderungen der Milieus er- 
halten ist, in denen die embryogenetisch angedeuteten 
Vorfahren wohnten. Als wir dann anfingen, in den 
Büchern von der tierischen Entwicklung zu blättern, fanden 
wir denn auch bald, daß ein ähnlicher Gedanke auch schon 
vom Naturphilosophen Oken, dem Zeitgenossen Goethes, 
ausgesprochen, von seinen gelehrteren Nachfolgern, insbe- 
sondere von Haeckel selbst aber energisch verworfen worden 
war. Nach Haeckel kommt nur den Entwicklungsphasen des 
Embryonalkörpers selbst der Wert von Geschichtsdokumenten 
zu, nicht aber den doch gleichfalls eine fortschreitende Ent- 
wicklung aufweisenden Veränderungen des Keimschutzes. 
Nur in den phantasiereichen und geistvollen Beschreibungen 
des als Populärschriftsteller so bekannten, als origineller 
Denker noch unterschätzten Bö Ische kehren Ansichten, 
wie die hier dargelegte, allerdings nur in poetischen Ver- 
gleichen und Bildern, immer wieder. Da wir aber, wie es vor 
längerer Zeit in einer kleinen psychoanalytischen Abhand- 



6 4 



Versuck einer Genitaltheorie 



lung dargelegt wurde, der Ansicht sind, daß solche Gleich- 
nisse aus der Tiefe unbewußten Wissens schöpfen,' mußten 
wir annehmen, daß hierin Bölsche, sonst ein unentwegter 
Anhänger und Apostel Haeckels, mit seinem Meister nicht 
ganz übereinstimme. Vom männlichen Begattungsgliede 
sprechend, sagt er gelegentlich: „Es liegt auch Vergangen- 
heit in diesem Gliede. Es ist ein Melusinenglied. Der Mensch 
lenkt hier hinab an den Fisch, von dem er in purpurnen 
Tagen gekommen." Allerdings hält er an diesem Gleich- 
nisse nicht lange fest und bezeichnet die Frage nach dem 
Ursprung dieses Anhängsels nur als eine „Anhängsel- 
sache", worin wir mit ihm durchaus nicht übereinstimmen. 
An anderer Stelle, wo er davon spricht, daß der Molch 
zu den ersten Tieren gehört, die ihre Embryonalzeit im 
Mutterleibe durchmachen, sagt er wiederum: „der Mutter- 
leib wurde Wassertümpel des Molches, er macht sein 
Kiemenstadium vollständig im Mutterleibe durch", das heißt 
aber wohl nichts weniger, als das Zugeben der von uns 
postulierten coenogenetischen Ergänzung des bioge- 
netischen Gesetzes, d. h, auch der Analogie der Schutz- 
einrichtungen des Embryos mit der Existenzform des Fisches 
im Wasser- 
Einzelheiten aus der Traum- und Neurosensymbolik weisen 
auf eine tiefreichende sinnbildliche Identifizierung des mütter- 
lichen Körpers einerseits mit dem Seewasser, dem Meere, 
anderseits mit der nährenden „Mutter Erde". Es könnte 
sich nun in dieser Symbolik nicht nur die Tatsache einen 
Ausdruck verschafft haben, daß man als Individuum vor 
der Geburt als wasserbewohnender Endopar asit, nach der 
i) „Analyse von Gleichnissen", Int. Zeitschrift für Psychoanalyse (1915).. 



VI. Die phylogenetische Parallele 65 

Geburt aber längere Zeit als luftatmender Ektoparasit an 
der Mutter zehrt, sondern auch die, daß See und Erde 
in der Artentwicklung wirklich die Vorläufer der Mutter 
waren, die Stelle der spät erworbenen mütterlichen Schutz- 
einrichtungen noch allein vertraten, indem sie jene tierischen 
Vorfahren beschützten und ernährten. In diesem Sinne käme 
der See-Symbolik der Mutter ein archaischerer, primitiverer 
Charakter zu, während die Erdsymbolik jene spätere Periode 
imitierte, in der der bei der See-Eintrocknung ans Land ge- 
setzte Fisch auf die aus dem Erdinneren sickernden Feuch- 
tigkeitsquellen als Ersatz für das verlorene Seewasser (das 
ihm zugleich auch die Nahrung zuführte) angewiesen war, 
und in einem solch günstigen Milieu gleichsam parasitisch 
vegetieren durfte, bis seine Umwandlung in ein Amphibium 
gelungen war. Wir denken hier an einen Bedeutungswandel 
der Symbolik, in dem, wie im Wortbedeutungswande 
der Philologen, ein Stück Geschichte, hier sogar ein wich- 
tiges Stück Artgeschichte enthalten ist. Hinter der Pflug- 
symbolik z. B., die die Psychoanalyse als den Niederschlag 
alter kulturgeschichtlicher Erfahrungen ansieht, hinter der 
Symbolik des Astabbrechens und Fruchtabreißens (z. B. in 
der Genesis) ist überall auch die Gleichsetzung der mit dem 
Pflug bearbeiteten fruchtbringenden Erde mit der Mutter ver- 
steckt. Viele primitive Weltentstehungsmythen, die die Erde 
aus der See emportauchen lassen, enthalten Züge, die diese 
Kosmogonie als symbolische Darstellung der Geburt deuten 
lassen; in Ranks „Inzestmotiv" (191 2) ist das mit zahlreichen 
Beispielen belegt und auch Röheim konnte mir aus seinem 
ethnologischen Material zahllose Beispiele dafür angeben. 
Doch auch die tägliche psychoanalytische Erfahrung bringt 

rCreucii - 



66 



Versuch einer Genitaltheorie 



einem krasse Beispiele der Regression zur Muttersymbolik: 
der Erde oder des Wassers. In zahlreichen Kleinkinder- 
geschichten kommt es vor, daß die in Folge des Ödipus- 
komplexes versagte Mutterliebe direkt auf die Erde über- 
tragen wird, Koitushandlungen an in die Erde gebohrten 
Löchern ausgeführt oder durch Verkriechen in ein Erdloch 
gleichsam die Total regression versucht wird. Unvergeßlich 
bleibt mir auch das Beispiel jenes unlöslich an die Mutter 
fixierten jungen Homosexuellen, der noch als Jüngling stunden- 
lang am Boden der mit warmem Wasser gefüllten Bade- 
wanne lag und um in dieser archaischen Wasserexistenz 
oder Embryonalsituation verharren zu können, durch ein 
langes, aus dem Wasser herausragendes Rohr atmete, das 
er sich in den Mund steckte. 

Die in einem der vorigen Kapitel gegebene, in der Psycho- 
analyse übrigens gebräuchliche Deutung der Wasserrettung 
oder des Schwimmens im Wasser als Geburtsdarstellung und 
als Darstellung des Koitus erfordern also auch eine phylo- 
genetische Überdeutung; der Sturz ins Wasser wäre 
wieder das archaischere Symbol, das der Wiederkehr in 
den Mutterleib, während in der Rettung aus dem Wasser 
der Moment des Geboren- oder Anslandgesetztwerdens 
betont zu sein scheint. Man fühlt sich versucht, auch die 
Sintflutsagen als eine nach psychoanalytischer Erfahrung 
nicht ungewöhnliche Umkehrung des wirklichen Sachver- 
haltes auszulegen. Die erste große Gefahr, die die Lebe- 
wesen, die ursprünglich alle Wasserbewohner waren, traf, 
war nicht das Übernutetwerden, sondern die Eintrocknungs- 
gefahr. Das Emportauchen des Berges Ararat aus den 
Fluten wäre also nicht nur, wie in der Bibel erzählt wird, 



.„ 



VI. Die phylogenetische Parallele 67 

die Rettung, sondern auch die ursprüngliche Katastrophe, die 
erst später im Sinne der Landbewohner umgedichtet worden 
sein mag. Dem Psychoanalytiker ist es natürlich nicht schwer, 
den Ararat, die Erde, in einer tieferen Schichte seiner Sym- 
bolik nur als Doublette der Arche Noahs und beide als 
symbolische Darstellungen des Mutterleibes zu erkennen, aus 
dem alle höheren Tiere ihren Ursprung nehmen; hier wäre 
nur noch hinzuzufügen, daß auch diese mythischen Stoffe 
einer Überdeutung in phylogenetischem Sinne bedürfen. 1 

Eine solche Überdeutung möchten wir aber nunmehr 
auch für jene Erklärungen fordern, die in den vorigen 
Kapiteln gegeben wurden, die die Vorgänge bei der Be- 
gattung als symbolische Handlungen auffaßten, in denen das 
Individuum die Lust der Mutterleibsexistenz, die Angst 
der Geburt und die neuerliche Lust des glücklichen Über- 
stehens dieser Gefahr wiedererlebt. Indem sich das Indivi- 
duum mit dem in die Vagina eindringenden Gliede und 
mit den in die Leibeshöhle des Weibes hineinschwärmenden 
Spermatozoen identifiziert, wiederholt es symbolisch auch die 
Todesgefahr, die seine Vorfahren in der Tierreihe bei der 
geologischen Katastrophe der Meereseintrocknung, durch 
Milieuumstände begünstigt, siegreich überwunden haben. 

Zunächst beruht diese Annahme nur auf einer einfachen 
symbolischen Schlußfolgerung. Bedeutet der im Wasser 
schwimmende Fisch, wie in so vielen Fruchtbarkeitszaubern, 
das Kind im Mutterleibe und sind wir bei so vielen Träumen 

1) Siehe auch die Rettung der Israeliten, die trockenen Fußes durch 
das Rote Meer schritten. Übrigens ist die Geburtsbedeutung der Wasser- 
rettung im Mythus seit Ranks Untersuchung üder den ,,Mythus von 
der Geburt des Helden" (1908) Gemeingut der Psychoanalyse. 



68 



Versuck einer Genitaltheorte 



gezwungen, das Kind als Penissymbol zu deuten, so wird 
uns einerseits die Penisbedeutung des Fisches selbstverständ- 
licher, anderseits aber auch die Fischbedeutung des Penis, 
d. h. die Vorstellung, daß im Begattungsakt der Penis nicht 
nur die natale und antenatale Existenzart des Men- 
schen agiert, sondern auch die Kämpfe jenes Urtieres 
unter den Vorfahren, das die große Eintrocknungs- 
katastrophe mitmachte. 

Zwei starke Argumente für diese zunächst gewiß gewagt 
erscheinende Hypothese liefert uns die Embryologie und 
die vergleichende Zoologie. Die eine besagt, daß Frucht- 
wasser enthaltende Schutzorgane (Amnien) für den 
Embryo nur bei landbewohnenden Tierarten ge- 
bildet werden; die andere, daß bei den Tierarten, deren 
Embryonen ohne Amnien heranwachsen (Anamnien), 
keine eigentliche Begattung stattfindet, sondern die 
Besamung seitens des Männchens und die Entwicklung des 
befruchteten Samens außerhalb des mütterlichen Leibes, 
meist frei im Wasser, erfolgt. Demgemäß sehen wir An- 
sätze zur Bildung eines Begattungsorganes zuerst nur bei 
den Amphibien, und erst bei den Reptilien erreichen sie 
ihre für das Säugetier charakteristische Erektil ität. Der Besitz 
von Begattungsorganen, die Entwicklung im Mutterleibe und 
das Uberstandenhaben der großen Eintrocknungsgefahr bilden 
so eine unzerreißbare biologische Einheit, die auch die letzte 
Ursache der symbolischen Identität des Mutterleibes mit der 
See und der Erde einerseits, des männlichen Gliedes mit 
dem Kinde und dem Fische anderseits sein muß. 

Auf den naheliegenden darwinistischen Einwand, daß 
sich eben nur die Arten erhalten konnten, die sich an das 



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VI. Die phylogenetische Parallele Qg 

Landleben organisch anpassen konnten und daß die Aus- 
bildung des embryonalen Schutzes der natürlichen Zucht- 
wahl, dem Überleben der tüchtigeren Varietät zuzuschreiben 
ist, können wir gleich hier erwidern, daß dem Psycho- 
analytiker die psychologischere Denkungsart Lamarcks, die 
Streb ungen und Triebregungen auch in der Artentwicklung 
eine Rolle einräumt, genehmer ist, als die des großen 
englischen Naturbeobachters, der alles nur auf Variation, 
in letzter Linie also auf den Zufall zurückführen will. Auch 
gibt die darwinistische Auffassung keine Erklärung für die 
in der Natur überall nachweisbare Wiederkehr alter Formen 
und Funktionsweisen im neuen Entwicklungsprodukte, sie 
würde die Tatsache der Regression, ohne die einmal die Psy- 
choanalyse nicht auskommen kann, wahrscheinlich negieren. 
Lassen wir uns also durch sie nicht beirren und halten wir 
bei der Annahme aus, daß in der Genitalität nebst der 
ontogenen auch phylogene Katastrophen zum Ausdruck, 
vielleicht gar zur nachträglichen Abreagierung gelangen. 






VII 

MATERIAL 
ZUM „THALASSALEN REGRESSIONSZUG" 

Wir wollen uns die Sache denn doch nicht zu leicht machen 
und möchten in loser Aufeinanderfolge Argumente auf- 
zählen, die, wie wir glauben, für die Idee vom „thalassalen 
Regressionszuge", dem Streben nach der in der Urzeit 
verlassenen See-Existenz sprechen, insbesondere aber jene, 
die das Fortwirken dieser Trieb- oder besser gesagt Zug- 
kraft in der Genitalität wahrscheinlich machen. 1 

Gehen wir gleich vom Parallelismus aus, der zwischen 
der Art der Begattung und der Ausbildung der Genitalien 
einerseits — der Existenzform in der See, dann im Erden-, 
Luftmilieu andererseits besteht. „Bei den niederen Tieren' — 
so steht es im schönen Tierbuche von Hesse und Doflein 
— ■ ,,bei denen Eier und Samen einfach ins Wasser entleert 
werden, wo sich dann die Befruchtung vollzieht, kennen 
wir keine besonderen Handlungen der Individuen, welche 
der Ausstoßung vorangehen." Je höher wir aber in der 
Entwicklungsstufe steigen, d. h. nach unserer Auffassung: 
auf je kompliziertere Schicksale die Artgeschichte zurück- 

i) Das Wort „Trieb" will mehr den Anpassungsmoment, das Zweck 
mäßige in der Organbetätigung, der Ausdruck. „Zug" mehr das Regressive 
hervorheben. Selbstverständlich bin ich aber mit Freud der Ansicht, 
daß auch das anscheinend nach „vorwärts" treibende im Grunde aus 
der Zugkraft der Vergangenheit seipe Energie bezieht. 



VII Material zum „thalassalen Regressionszug" 71 

zuschauen hat, umso sorgfältigere Einrichtungen sind zur 
sicheren Unterbringung der Keimzellen in einem günstigen 
Milieu getroffen. Jedenfalls setzt aber die Entwicklung der 
äußeren Genitalien ganz plötzlich mit der Entwicklungs- 
katastrophe bei den Amphibien ein. Allerdings haben letztere 
noch keine eigentlichen Begattungsorgane, diese beginnen 
erst beim Reptil (Eidechse, Schildkröte, Schlange, Krokodil), 
aber eine Art coitus per cloacam, ein Herandrängen oder 
Einführen der männlichen Kloake in die weibliche, kommt 
bereits bei den Fröschen vor. Entsprechend ihrem Doppel- 
leben im Wasser und zu Lande, haben diese Tiere noch 
die Alternative der äußeren und inneren Besamung, d. h. 
der Befruchtung der Eier im freien Wasser oder im Mutter- 
leibe. Auch kommt es hier zum ersten Male zur Ausbildung 
auffälliger äußerer Geschlechtsmerkmale, so beim männlichen 
Frosch jener Schwielenbildung an der vorderen Extremität, 
die ihn zur Umklammerung des Weibchens befähigt. Ein 
aus der Kloake hervorwachsendes Bohrwerkzeug, einen 
Penisfortsatz, der noch undurchbohrt ist, entdeckt man 
zuerst bei den Eidechsen, die ersten Spuren der Erek- 
tilität, wie schon erwähnt, beim Krokodil. 

Doch schon beim männlichen Molch beginnt sich eine 
innige Beziehung zwischen Urethralausscheidung und Eja- 
kulation auszubilden, die ihren höchsten Grad erst bei 
einem primitiven Säugetiere, dem Känguruh erreicht, bei 
dem endlich die Kloake in Darm und Harnröhre getrennt ist 
und der gemeinsame Abfuhrkanal für Sperma und Urin 
nach Menschenart den erektilen Penisfortsatz durchbohrt. 

Diese Entwicklungsreihe zeigt uns eine gewisse Analogie 
mit den individuellen Entwicklungsphasen des erotischen 



72 



Versuch einer Genital the orte 



Realitätssinnes, wie wir sie eingangs zu besehreiben ver- 
suchten. Der anfänglich nur tappende Versuch des Tier- 
männchens, einen Teil seines Körpers sowie seine Geschlechs- 
produkte in den Mutterleib einzuführen, erinnert uns an die 
anfangs ungeschickten, dann immer energischeren Versuche 
des Kindes, die Wiederkehr in den Mutterleib mit Hilfe 
seiner erotischen Trieb einrichtungen zu erzwingen und das 
Geborensein wenigstens partiell und symbolisch wieder zu 
erleben bezw. rückgängig zu machen. Diese Ansicht entspricht 
auch der Auffassung Freuds, nach dessen Ausspruch wir 
in den sonderbaren Veranstaltungen der Begattung in der 
Tierwelt die biologischen Vorbilder für die infantilen Äuße- 
rungsformen der Sexualität wie auch für die Veranstaltungen 
der Perversen sehen können. 

Hier aber müssen wir wieder unsere Phantasie spielen 
lassen, um eine, wenn auch nur vorläufige Antwort auf 
die noch ungelöste Frage zu bekommen, welche Motive 
die Amphibien und Reptilien bewogen haben können, sich 
einen Penis zuzulegen, (denn nach unserer lamarckistischen 
Auffassung gibt es keine Entwicklung ohne solches Motiv, 
keine Veränderung, die nicht Anpassung an eine äußere 
Störung wäre). Dieses Motiv kann sehr wohl die Strebung 
nach Wiederherstellung der verlorenen Lebensform in einem 
feuchten Milieu, das zugleich Nährstoffe enthält, d. h. die 
Wiederherstellung der See-Existenz im feuchten, 
nahrungsreichen Körperinneren der Mutter sein. 
Nach der bereits einigemale notwendig gewordenen „Um- 
kehrung der Symbolik" erschiene so eigentlich die Mutter 
als ein Symbol oder partieller Ersatz des Meeres 
und nicht umgekehrt. Wie angedeutet, denken wir 



VII. Material zum „thalassalen Regressionszug" 7j 



uns ja, daß, gleichwie die Keimzellen höherer Tiere ohne 
Brutschutz, ja auch die schon zur Welt gebrachten Nach- 
kommen ohne mütterlichen Schutz zu Grunde gingen, so 
wären alle Tierarten, wie so viele tatsächlich, bei der Ein- 
trocknungskatastrophe untergegangen, hätten nicht zufällige 
günstige Umstände und die Regressionsbestrebung für ihre 
ekto- und endoparasitische Existenz, für ihre Erhaltung 
während der Anpassung an das Landleben gesorgt. Den 
höheren Wirbeltieren gelang es dann endlich in der Institution 
der inneren Befruchtung und des Heranwachsens im Mutter- 
leibe diese parasitische Existenzart mit dem thalassalen 
Regressionszug aufs gelungenste zu verknüpfen. 

Eine andere Analogie zwischen dem Fötus im Mutter- 
leibe und den Wassertieren zeigt sich in der Art ihrer 
Sauerstoff- und Nahrungsversorgung. Die Leibesfrucht deckt 
ihren Sauerstoffbedarf, indem sie ihre Chorionzotten frei 
in den Bluträumen der placenta maternalis schwimmen 
läßt und den respiratorischen Gaswechsel auf osmotischem 
Wege bewerkstelligt. Nicht die stets funktions losen 
Kiemenanlagen des Embryos selbst, sondern 
diese Chorionzotten möchten wir als Reproduk- 
tion der Kiemenatmungsorgane der Wassertiere 
ansehen, die ja ihr Oxygen gleichfalls auf osmotischem 
Wege aus einer Flüssigkeit, und nicht wie die Landtiere, 
aus der Luft beziehen. In der Plazenta besitzt also die 
Leibesfrucht ein parasitisches, die Kiemenatmung nach- 
ahmendes Saugorgan, das für die Sauerstoffversorgimg (und 
die Ernährung) sorgt, bis die Organe den Embryo selbst 
zum Leben außerhalb des Mutterleibes, gleichsam als Land- 
tiere, befähigen. Wollen wir mit der „coenogenetischen 



74 



Versuck einer Genitaltheorie 



Parallele" ernst machen, so müssen wir tierische Vor- 
fahren in der Übergangszeit zwischen See- und Landleben 
postulieren, bei denen für die Kiemenatmung solange vor- 
gesorgt war, bis sich bei ihnen funktionstüchtige Lungen 
entwickelten. Solche Tiere sind nun, wie uns Haeckel 
ausführlich erzählt, bis auf den heutigen Tag erhalten ge- 
blieben, „Zwischen den echten Fischen und den Amphibien • 
mitten innen", so steht es bei ihm geschrieben, „steht die 
merkwürdige Klasse der Lurchflsche oder Molchfische 
(Dipneusta, Protopteri). Davon leben heute nur noch 
wenige Repräsentanten, nämlich der amerikanische Molch- 
fisch (Lepidosiren paradoxa) im Gebiete des Amazonen- 
stromes, und der afrikanische Molchfisch (Protopterus 
annectens) in verschiedenen Gegenden Afrikas. Während 
der trockenen Jahreszeit im Sommer vergraben sich diese 
seltsamen Tiere in dem eintrocknenden Schlamm in ein 
Nest von Blättern und atmen dann Luft durch Lungen, 
wie die Amphibien. Während der nassen Jahreszeit im 
Winter leben sie in Flüssen und Sümpfen und atmen 
Wasser durch Kiemen, gleich den Fischen." Wir erfahren 
dann von Haeckel, daß es ein Gegenstand ewigen Streites 
zwischen den Zoologen ist, ob die Lurchfische eigentlich 
Fische oder Amphibien seien. Er selbst vertritt die Ansicht, 
daß sie eine besondere Wirbeltierklasse bilden, welche den 
Übergang beider vermittelt. 

Der weitere Fortschritt in der Anpassung ans Landleben 
der Amphibien ist allgemein bekannt. Die Frösche haben 
eine kiemenatmende Jugendform, in der sie noch als Kaul- 
quappen fischartig im Wasser herumschwimmen, während 
das ausgewachsene Tier luftatmender Landbewohner ist. 






VII. Material zum „thalassalen Regressionszug" J$ 



Wir brauchen nur anzunehmen, daß bei den höheren 
Wirbeltieren (Reptilien, Vögeln, Säugern) die plazentale 
Kiemenatmung auf die Embryonalzeit beschränkt ist, so 
haben wir eine fortlaufende Entwicklungsreihe vom Fisch 
über das Amphibium bis zum Menschen, in der die Strebung 
nach der See-Existenz niemals voll aufgegeben wird, wenn sie 
auch bei den letzteren auf die Entwicklungszeit im Mutter- 
leibe reduziert ist. Wir müßten nur noch hinzufügen, daß 
dieser thalassale Regressionszug auch nach dem Geboren- 
werden nicht rastet und in den Äußerungen der Erotik 
(insbesondere der Begattung), sowie, wie wir ergänzend 
bemerken und noch des weiteren ausführen wollen, in den 
Schlafzuständen sich kundgibt. 

Wir können es nun keinesfalls für eine zufällige Variation 
erklären, daß ein fruchtwasserhältiger Amnionsack als Schutz- 
organ des zarten Embryos gerade bei jenen Tierklassen 
zur Ausbildung gelangt, bei denen zu keiner Zeit des ex- 
trauterinen Lebens mit Kiemen geatmet wird (Reptilien, 
Vögel, Säugetiere). Dem psychoanalytischen Sinn für die 
Determiniertheit und Motiviertheit aller biologischen und 
seelischen Vorgänge entspricht vielmehr die Annahme, daß 
das Fruchtwasser ein in den Leib der Mutter gleich- 
sam „introjiziert.es" Meer darstellt, in dem, wie der 
Embryologe R. Hertwig sagt, „der zarte, leichtverletzliche 
Embryo wie der Fisch im Wasser schwimmt und Be- 
wegungen ausführt. 

i) Wir erinnern auch daran, daß sich die Emotion bei der Begattung 
in so auffälligen Veränderungen der Atmung Abfuhr verschafft, was wir mit 
der Dyspnoe bei der Geburt in Zusammenhang brachten, was wir aber nun- 
mehr auch auf den archaischen Kampf um das Oxygen beziehen möchten. 



76 Versuch einer Genitaltheorie 



Anschließend an diese Gedanken will ich noch auf einige 
merkwürdige Tatsachen hinweisen und es dem Urteil des 
Lesers überlassen, ob wir sie als unbedeutende Sonderbar- 
keiten ansehen, oder zu den Argumenten unserer Anschau- 
ungsweise zählen dürfen. Von der Entwicklung des Hühnchen- 
embryos, speziell seines Amnionsackes, berichtend, sagt 
R. Hertwig folgendes: „Am Anfang seiner Entwicklung 
ist der Amnionsack klein, vergrößert sich aber allmählich, 
indem er mit dem Wachstum des Embryos Schritt hält und 
eine große Menge Flüssigkeit einschließt. Gleichzeitig wird 
seine Wandung kontraktil. In seinem Hautfaserblatt bilden 
sich einzelne Zellen zu kontraktilen Fasern um, die beim 
Hühnchen vom fünften Tage der Bebrütung an rhythmische 
Bewegungen veranlassen. Man kann die Bewegungen bei 
unverletzter Eischale beobachten, wenn man die Eier gegen 
eine helle Lichtquelle hält und sich dabei des von Preyer 
konstruierten Ooskops bedient. Es läßt sich dabei kon- 
statieren, daß das Amnion in der Minute etwa 10 Zusammen- 
ziehungen ausführt, welche von einem Pole beginnend, zum 
entgegengesetzten Ende nach der Art fortschreiten, wie 
sich ein Wurmkörper zusammenzieht. Dadurch wird die 
Amnionflüssigkeit in Bewegung gesetzt und der Embryo 
ia regelmäßiger Weise von einem Ende zum anderen 
geschaukelt und gewiegt." Zu bemerken ist, daß diese 
Bewegungen bis zum achten Tage der Bebrütung zu-, dann 
abnehmen, gleichwie die Fruchtwassermenge bei allen 
Amnioten nach anfänglicher rapider Zunahme allmählich 
abnimmt. 

Es würde mich wundern, wenn diese Einrichtung des 
rhythmischen Wiegens nicht schon von einem oder dem 



* 



VII Material ZUM Jhalassalen Regressionszug" 77 



anderen Naturforscher poetisch mit dem Wogen des Meeres 
verglichen worden wäre, am Ende ist aber das mehr als 
ein Gleichnis! 1 

Selbst wenn wir uns der Gefahr aussetzen, diese kleine 
Schrift mit Hypothesen zu überladen, können wir die An- 
schauung nicht unterdrücken, die wir uns als phylogenetische 
Parallele zur Entwicklung der männlichen Geschlechts- 
charaktere und Geschlechtsorgane in ihrem gegenseitigen Ver- 
hältnis zurechtmachten. Wir sprachen im ontogenetischen 
Teile von einer ursprünglich gleichsinnigen Strebung des 
Männchens wie des Weibchens, in den Leib des Partners 
einzudringen, also von einem Kampf der Geschlechter, der 

1) Nur nebstbei beziehe ich mich auch auf die Merkwürdigkeit, daß 
das Genitalsekret der Weibchen bei höheren Säugetieren und beim 
Menschen, das, wie wir sagten, seine erotisch reizende Wirkung auf 
infantile Reminiszenzen zurückführen dürfte, nach der Beschreibung aller 
Physiologien einen ausgesprochenen Fischgenich (Geruch des Herings- 
lacke) hat; dieser Geruch der Vagina rührt von demselben Stoffe 
(Trimethylamin) her, der sich auch bei der Fischverwesung bildet. 

Auch jene könnten schließlich recht behalten, die da behaupten, daß 
die 28tägige Periodizität der weiblichen Menses auf den Einfluß des 
Mondwechsels (also in direkterer Weise wohl auf den Einfluß der Ebbe 
und Flut auf die seebewohnenden Vorfahren) zurückzuführen ist. 

Ich möchte es nicht versäumen, hier auch auf das merkwürdige 
Verhalten jener Säugetiere bei der Begattung hinzuweisen, die nach der 
Landanpassung wieder Wassertiere wurden (Wale, Robben, Seehunde). 
Von diesen wird berichtet, daß sie zur Begattung ans Land gehen, 
d. h. von einem „geotropen" Regressionszug beherrscht sind, der sie 
zwingt, die von ihnen zuletzt überwundene Situation für ihre Nach- 
kommen wiederherzustellen. Bekannt ist übrigens auch das Verhalten 
gewisser Seefische, die zur Laichzeit unter ungeheueren Schwierig- 
keiten über große Felstreppen jene Gebirgsflüsse hinaufschwimmen, aus 
denen sie eigentlich herstammen. (Vgl. dazu auch die Treppe als Koitus- 
Symbol.) 



7 8 V erstich einer Genitaltheorie 



mit dem Siege des Männchens und mit der Schaffung von 
Trosteinrichtungen für das Weibchen endigte. 

Nun gilt es nachzutragen, daß dieser Kampf wahr- 
scheinlich auch ein artentwicklungsgeschichtliches Vorbild 
hatte. Wir hörten, daß schon bei den Amphibien, die noch 
sehr rudimentäre Begattungsorgane haben, das Männchen 
bereits eigene Umklammerungsorgane besitzt. In immer 
steigender Mannigfaltigkeit entwickeln sich bei den höheren 
Wirbeltieren jene Faszinierungs- und Bemächtigungs Werk- 
zeuge des Männchens, mit deren Hilfe es sich das Weibchen 
gefügig macht. Wenn man insbesondere die fortschreitende 
Entwicklung des männlichen Bohrwerkzeuges bei den höheren 
Tierklassen in Betracht zieht (während, wie gesagt, solche 
Organe bei den wasserbewohnenden Vorfahren nur ganz 
ausnahmsweise vorhanden sind), so darf man vermuten, 
daß nach der Eintrocknungsgefahr, wo zum ersten Male 
die Nötigung entstand, für die verlorene See-Existenz einen 
Ersatz zu suchen, auch zum ersten Male der Drang sich 
äußerte, in einen fremden Tierleib einzudringen, d. h. sich 
mit ihm zu begatten. Ursprünglich mag es ein Kampf aller 
gegen alle gewesen sein, schließlich aber gelang es dem 
stärkeren (und wie noch auszuführen ist, zu dieser Rolle 
von vornherein disponierten) Männchen, in die Kloake des 
Gegners einzudringen, am Ende gar sich eine eigene Be- 
gattungsröhre zu bohren, eine Situation, in die sich das 
Weibchen dann auch in ihrer Organisation fügte. 

Diese besondere Verstärkung des Geschlechtsdimorphis- 
mus der Tiere gerade bei den Landtieren, also nach der 
Eintrocknungskatastrophe besagt aber vielleicht, daß der 
Kampf bei den ersten Begattungs versuchen eigentlich ein 



VII Material zum „thalassalen Regressionszug" 79 

Kampf um Wasser, um Feuchtigkeit war, und daß im 
sadistischen Anteile des Koitusaktes diese Kampfperiode, 
wenn auch nur symbolisch und spielerisch, auch bei den 
entfernten Nachkommen jener Urtiere, den Menschen, zur 
Wiederholung gelangt. 

Die gefahrdrohenden, fürchterlichen Eigenschaften des 
väterlichen Phallus, der ja ursprünglich nur das Kind im 
Mutterleibe darstellt, könnten aus dieser Kampfperiode 
stammen.' 



1) Das Erzwingen des coitus per cloacam durch das Männchen wäre 
so die Ur-Ursache dessen, daß die ursprünglich gleichfalls phänische 
Erotik des Weibchens von einer kloakalen Höhlenerotik (Jekels, Federn) 
abgelöst wurde, wobei die Penisrolle auf Kot und Kind überging. Die 
Behinderung der Exkretion beim Verstopftsein der Kloake durch den 
Penis und deren Freiwerden nach der Beendigung des Koitus, also 
eine Art „Analnot" und ihr plötzliches Aufhören mögen Lustempfin- 
dungen hervorgerufen haben, in denen das Weibchen Trost und Ersatz 
finden konnte. 



VIII 
BEGATTUNG UND BEFRUCHTUNG 

Wenn nach unserer Hypothese der Begattungsakt nichts 
anderes ist, als Befreiung des Individuums von lästiger 
Spannung unter gleichzeitiger Befriedigung des Triebes nach 
Regression in den Mutterleib und in das Meer, das Vor- 
bild aller Mütterlichkeit, so ist zunächst nicht einzusehen, 
warum und auf welche Art diese Befriedigungstendenz, 
die anscheinend von der Tendenz zur Arterhaltung und 
Befruchtung ganz unabhängig ist, mit letzteren zu einer 
Einheit verschmilzt und in der Genital ität der höheren 
Tiere gleichzeitig zur Äußerung gelangt. Das Einzige, was 
wir bisher als Erklärung dieses Tatbestandes anführen 
konnten, war die Identifizierung des ganzen Individuums mit 
dem Genitalsekret. Demnach wäre der sorgfältige Schutz, 
den die Individuen ihrem Genitalsekret angcdeihen lassen, 
nicht merkwürdiger als ähnliche Schutzmaßnahmen, die so 
viele Tiere auch auf ihre sonstigen Exkrete verwenden. 
Diese Exkrete bilden nach der Empfindung der Individuen 
Bestandteile ihres eigenen Selbst und ihre Ausstoßung geht 
mit einem Gefühle des Verlustes einher, wobei das Bedauern 
über den Verlust fester Stoffe (Kot) stärker zu sein scheint, 
als der nach der Ausscheidung von Exkreten dünnerer 
Konsistenz. 






VIII. Begattung und Befruchtung 81 

Diese Erklärung erscheint einem aber von vornherein 
recht ärmlich und unbefriedigend, besonders wenn man 
bedenkt, daß mit dem Genitalakte nicht nur die Unter- 
bringung der Genital sekrete an einem gesicherten Ort, sondern 
auch der Befruchtungsprozeß, die Vereinigung der ge- 
schlechtsdifterenten Keimzellen zu einer Einheit und der 
Beginn der Embryonalentwicklung zeitlich und räumlich 
vereinigt ist. Wir müssen zugeben, daß uns der Befruchtungs- 
akt Rätsel ganz anderer Art aufgibt, als die, um deren 
Lösung wir uns beim Begattungsakte bemühten. Ist doch 
die Befruchtung ein viel archaischerer Vorgang als die 
temporäre Vereinigung des Männchens und Weibchens im 
Geschlechtsakt. Wir sahen ja, daß die Entwicklung der 
Genitalität und ihrer Exekutivorgane erst bei den Am- 
phibien beginnt, die Fortpflanzung durch Befruchtung aber 
schon bei den niedersten einzelligen Wesen, bei den 
Amoeben. Dies mahnt uns daran, den bisher verfolgten Ge- 
danken einmal umzukehren, und zu untersuchen, ob nicht 
doch die Zoologen im Rechte sind, die behaupten, daß der 
ganze Begattungsakt ein gleichsam nur von den Geschlechts- 
zellen induzierter Zwang ist, der die Individuen dazu drängt, 
die Keimzellen in möglichst gesicherter Lage aneinander 
zu bringen. Die vielfachen Vorsichtsmaßregeln, die im Tier- 
reiche auch vor der Entwicklung der Begattungsfunktion 
zu diesem Zwecke getroffen werden, sprechen entschieden 
für diese Annahme und es fragt sich, ob diese nicht danach 
angetan ist, unsere ganze Hypothese von der Mutterleibs- 
und Meeresregression über den Haufen zu werfen. 

Die einzige Rettung aus dieser Schwierigkeit zeigt uns die 
konsequente Fortführung des Gedankens vom coenogeneti- 

Ferenczi 6 



g2 Versuch einer Genital t^eorie 



sehen Parallelismus. Wenn die Lebensumstände der Lebe- 
wesen im Laufe der Ontogenese wirklich die Reproduktion 
uralter Existenzformen sind, wie wir dies für die Existenz 
des Embryos im Fruchtwasser der Mutter annahmen, so 
muß auch dem Befruchtungsvorgang, ja auch der 
Keimzellenentwicklung (der Spermato- und Oo- 
genese) etwas in der Phylogenese entsprechen. Dieses 
Etwas könnte nichts anderes sein als die einzellige Existenz 
in der Urzeit und ihre Störung durch eine urzeitliche 
Katastrophe, die diese einzelligen Wesen zur Verschmelzung 
zu einer Einheit zwang. Dies ist auch die Hypothese, die 
uns Freud in seiner Arbeit „Jenseits des Lustprinzips 11 
in Anlehnung an die poetische Phantasie in Piatos Sym- 
posion gegeben hat. Eine große Katastrophe, heißt es bei 
ihm, zerriß die Materie in zwei Hälften und hinterließ in 
ihr die Bestrebung nach Wiedervereinigung, womit erst das 
organische Leben begonnen hätte. Es wäre nur eine nicht 
sehr wesentliche Modifikation, wenn wir auch an die Mög- 
lichkeit dächten, daß auch in der Zeitfolge der Keimzellen- 
entwicklung und der Befruchtung ein urgeschichtliches 
Nacheinander sich wiederholt, daß also die Lebewesen 
sich zunächst isoliert aus der unorganischen Materie ent- 
wickelt hätten und erst durch eine neue Katastrophe zur 
Vereinigung gezwungen worden seien. Es gibt auch unter 
den Einzelligen Übergangswesen, die, wie die Amphibien 
zwischen den Wasser- und Landbewohnern, eine Stelle 
zwischen den konjugierenden und nichtkonjugierenden Lebe- 
wesen einnehmen. So lesen wir in der Naturgeschichte, 
daß bei gewissen dieser primitiven Wesen unter ungünstigen 
Lebensbedingungen, z. B. bei Eintrocknungsgefahr, eine 



VHI. Begattung und Befruchtung &3 

Konjugations-Epidemie auftritt und die Tierchen anfangen, 
sich geschlechtlich zu vereinigen.' Nun sagt uns aber schon 
der phantasievolle Bölsche, daß eine solche Vereinigung 
eigentlich nichts anderes ist, als eine verfeinerte Form 
des gegenseitigen Auffressens. Am Ende kam also die erste 
Zellenkonjugation ganz ähnlich zustande, wie wir uns die 
erste Begattung vorstellten. Bei den ersten Begattungs- 
versuchen der Fische nach der Eintrocknung handelte es 
sich um einen Versuch, die verlorene feuchte Nahrungsstätte 
des Meeres in einem tierischen Leibe wiederzufinden. Eine 
ähnliche aber noch archaischere Katastrophe mochte aber 
auch die einzelligen Lebewesen gezwungen haben, sich 
gegenseitig aufzufressen, wobei es keinem der Kämpfenden 
gelang, den Gegner zu vernichten. So mag dann eine 
kompromissuelle Vereinigung, eine Art Symbiose zu- 
stande gekommen sein, die nach einer gewissen Dauer des 
Zusammenlebens immer wieder zur Urform regredierte, 
indem aus der befruchteten Zelle wieder „Urzellen", (die 
ersten Keimzellen) ausgeschieden wurden. Damit wäre das 
ewige Wechselspiel der Keimzellenvereinigung (Befruchtung) 
und Keimzellenausscheidung (Spermato- und Oogenese) in 
Gang gesetzt. — Der einzige Unterschied zwischen dieser 
und der von Freud bevorzugten Möglichkeit ist der, 
daß unsere die Entstehung des Lebens aus dem Unorga- 
nischen und die Entstehung des Befruchtungsprozesses 
zeitlich auseinander hält, während sie nach Freud gleich- 
zeitig infolge derselben Urkatastrophe entstanden sein 
konnten. 

l) Wir wissen, daß solche Konjugationsepidemien gelegentlich auch 
bei Überfülle der Nahrung etc. auftreten. 

6* 



84 Versuch einer Gcnitaltheorie 

Ist aber so auch der Befruchtungsprozeß nichts anderes, 
als die Wiederholung einer ähnlichen Urkatastrophe, wie 
jene, die wir für die Entstehung der Begattungsfunktion 
im Tierreiche verantwortlich machten, so brauchen wir 
vielleicht unsere Genitaltheorie doch nicht aufzugeben und 
können es versuchen, sie mit den unleugbaren Tatsachen 
der „praegenitalen" Biologie in Einklang zu bringen. Es 
genügt dazu, anzunehmen, daß im Begattungsakte und im 
gleichzeitigen Befruchtungsakte nicht nur die individuelle 
(Geburts-), und die letzte Art-Katastrophe (Ein- 
trocknung), sondern auch alle früheren Katastrophen 
seit Entstehung des Lebens zu einer Einheit ver- 
schmolzen sind, so daß im Gefühl des Orgasmus nicht nur 
die Ruhe im Mutterleibe, die ruhige Existenz in einem 
freundlicheren Milieu, sondern auch die Ruhe vor der 
Entstehung des Lebens, d. h. auch die Todesruhe 
der anorganischen Existenz dargestellt ist. Die Er- 
ledigungsart der früheren Katastrophe, die Befruchtung, 
kann ja als Vorbild gedient und dazu beigetragen haben, 
daß sich die zunächst unabhängigen Triebe der Befruchtung 
und der Begattung in Eins verschmolzen haben. Dieses 
vorbildliche Einwirken der Befruchtung auf die 
Reaktionsweise des Individuums auf aktuelle Störungen 
schließt aber die Annahme nicht aus, daß vom Standpunkte 
des Individuums die Spannungsreste sowohl der aktuellen, 
als auch der ontogenen und der phylogenen Katastrophen 
nur lästige Unlustprodukte sind, und als solche nach den Ge- 
setzen der Autotomie zur Ausscheidung gelangen. 1 

1} Ohne auf die hier versuchte genetische Verknüpfung näher ein- 
zugehen, gibt Freud in seiner letzten Arbeit „Das Ich und das Es" 



VIII. Begattung und Befruchtung 85 

Das Mystische an dem Zusammentreffen der Begattungs- 
und Zeugungsfunktion in einem Akte schwindet also, wenn 
wir das Entstehen der Begattungsfunktion bei den Amphi- 
bien als Regression auf dieselbe Erledigungsart (Ver- 
einigung mit einem anderen Lebewesen) auffassen, 
die sich bei einer früheren Katastrophe als nützlich 
erwiesen hatte. Bei der überall im Psychischen, aber 
offenbar auch im Organischen herrschenden Unifizierung s- 
tendenz, der Tendenz zur Vereinigung gleichsinniger 
Prozesse zu einem Akt, ist es aber auch nicht zu ver- 
wundern, daß es (nach einigen ungeschickten Versuchen 
bei den niederen Wirbeltieren) endlich zur Vereinigung der 
Ausscheidung der aktuellen Störungsstoffe (Urin, Kot), der 
am Genitale angesammelten erotischen Spannung, und auch 
des säkularen Unlustmaterials kommt, das wir uns im 
Keimplasma aufgespeichert denken. 

Allerdings wird dieser letztere Stoff viel sorgfältiger 
behandelt als irgendein anderes Ausscheidungsprodukt. Es 
ist aber auch möglich, daß ein großer Teil der Brutschutz- 
einrichtungen nicht einfach Vorsorgen seitens des mütter- 
lichen Organismus sind, sondern, wenigstens zum Teile 
vielleicht Produkte der eigenen Vitalität der Keimzellen 
selbst, gleichwie gewisse in den Tierkörper gelangende 
Parasiten die zunächst gewiß nur abwehrenden Reaktionen 
im Körper des Wirtes (entzündliche Demarkation mit 



(1923) demselben Gedanken folgende Fassung: „Die Abstoßung der 
Sexual Stoffe im Sexualakt entspricht gewissermaßen der Trennung von 
Soma und Keimplasma, daher die Ähnlichkeit des Zustandes nach der 
vollen Sexualbefriedigung mit dem Sterben, bei niederen Tieren das 
Zusammenfallen des Todes mit dem Zeugungsakt.** 



86 Versuch einer Genitaltheoric 



Flüssigkeitsausscheidung) dazu benützen können, sich eine 
geschützte Wohnstätte, gewöhnlich eine mit Flüssigkeit 
gefüllte Blase, zu bauen. — Anderseits brauchen wir auch 
die andere Möglichkeit nicht zu leugnen, die nämlich, daß 
das Individuum diese Stoffe wirklich mit mehr Sorgfalt als 
andere behandelt, nur muß diese Sorgfalt nicht unbedingt 
ausschließlich eine Sorgfalt aus Liebe sein. Wenn unsere 
Vermutungen richtig sind, so sind im Keimplasma die ge- 
fährlichsten Triebenergien in höchster Konzentration ent- 
halten, die, solange sie im Organismus selbst enthalten 
sind, gewiß mit Hilfe eigener Einrichtungen vom übrigen 
Organismus, vom Soma getrennt, gleichsam abgekapselt 
sind, damit sich ihre gefährlichen Kräfte nicht gegen den 
eigenen Körper wenden können. Die Sorgfalt also, mit 
der sie geschützt sind, ist vielleicht mehr eine Sorgfalt 
aus Angst. Und gleichwie es nicht verwunderlich wäre, 
wenn jemand einen gefährlichen Explosivstoff, den er vor- 
sichtig in der Tasche getragen hat, auch dann noch vor- 
sichtig behandelt, wenn er ihn irgend anderswo weglegt, 
ebenso könnte die Angst vor den Störungen des Keim- 
plasmas dazu beitragen, die Keimstoffe auch nach ihrer 
Entfernung aus dem Körper sorgfältig zu schützen. Natürlich 
braucht darum die bisher einzig berücksichtigte Erklärung 
des Brutschutzes mit der Liebe, d. h. mit der Identifizierung, 
nicht fallen gelassen werden und wir haben sie auch bereits 
entsprechend gewürdigt. Jede Trennung, welchen Stoffes 
immer, vom Körperganzen, ist immer auch ein Schmerz und 
wie wir das an dem Ejakulationsakte exemplifizierten, muß 
die Unlust-Spannung hohe Grade erreichen, bis der Organis- 
mus sich dazu entschließt, sich eines Stoffes zu begeben. 



. 



VIII. Begattung und Befruchtung 87 



Stellt man sich einmal die Art vor, wie sich Männchen und 
Weibchen begatten und wie gleichzeitig (oder nach geringem 
Zeitintervall, worauf es nicht ankommt) der Spermafaden das 
Ei befruchtet, so bekommt man in der Tat den Eindruck, 
als ahmten die Somata der Gatten die Tätigkeit der 
Keimzellen bis auf kleine Einzelheiten nach. Das Sper- 
matozoon dringt in die Mikropyle des Eichens ein, wie der 
Penis in die Vagina ; man wäre versucht (wenigstens im Mo- 
mente der Begattung) den Körper des Männchens einfach ein 
Megasperma,den des Weibchens ein Megaloon zu nennen. 1 
Anderseits lernt man auch die doch so abfällig beurteilte 
Auffassung der „Animalculisten" verstehen, die Sperma und 
Ovulum als eigene Lebewesen, kleine Tierchen betrachteten. 
Auch wir glauben, daß sie es in einem gewissen Sinne sind: 
sie sind Revenants der ersten Urzellen, die sich begatteten. 

Es hat also den Anschein, daß das Soma, das zu- 
nächst nur die Aufgabe hatte, das Keimplasma zu schützen, 
nachdem es diese erste Aufgabe gelöst hat und damit den 
Forderungen des Realitätsprinzips entsprach, es sich schließ- 
lich nicht nehmen ließ, die Vereinigung der Keimzellen mit- 
zugenießen und Begattungsorgane entwickelte. Wir werden 
ja im biologischen Appendix zu dieser Arbeit darauf hin- 
weisen müssen, daß auch sonst jede Entwicklung diesen 
Weg geht: zunächst Anpassung an eine aktuelle Auf- 
gabe, später möglichste Wiederherstellung der not- 
gedrungen verlassenen Ausgangssituation. 

1) Das Platzen des Graafschen Follikels wäre dem Geburtsakte zu 
vergleichen, sozusagen das keimplasmatische Vorbild des Geboren werdens. 
Es ist übrigens bekannt, daß zwischen Corpus luteum und Gebärmutter 
zeitlebens innige (hormonale?) Beziehungen nachweisbar sind. 



88 Versuch einer Geniialtheorie 

Man muß sich also vielleicht mit der Idee befreunden, daß, 
gleichwie die unerledigten Störungsmomente des individuellen 
Lebens im Genitale gesammelt und dort abgeführt werden, 
sich die mnemischen Spuren aller phylogenen Entwicklungs- 
katastrophen im Keimplasma ansammeln. Von dort aus wirken 
sie in demselben Sinne wie nach Freud die unerledigten 
Störungsreize der traumatischen Neurosen: sie zwingen zur 
fortwährenden Wiederholung der peinlichen Situation, aller- 
dings vorsichtigerweise in qualitativ wie quantitativ außer- 
ordentlich gemilderter Form, und erreichen bei jeder einzelnen 
Wiederholung die Lösung eines kleinen Teilchens der großen 
Unlustspannung. Was wir Vererbung nennen, ist also vielleicht 
nur das Hinausschieben des größten Teiles der trau- 
matischen Unlusterledigungen auf die Nachkommen- 
schaft, das Keimplasma aber, als Erbmasse, ist die Summe 
der von den Ahnen überlieferten und von den Individuen 
weitergeschobenen traumatischen Eindrücke; das wäre also 
die Bedeutung der von den Biologen angenommenen „En- 
gramme". Halten wir uns an die von Freud präzisierte 
Ansicht von der Tendenz zur Reizlosigkeit und schließlich zur 
anorganischen Ruhe, die alle Lebewesen beherrscht (Todes- 
trieb), so können wir hinzufügen, daß im Laufe der unausge- 
setzten Abgabe der traumatischen Störungsreizstoffe von einer 
Generation an die andere der Störungsreiz selbst in jedem Indi- 
vidualleben, eben durch das Erleben selbst, abreagiert wird, 
um, wenn keine neuen Störungen oder gar Katastrophen hin- 
zukommen, allmählich ganz abgebaut zu werden, was mit dem 
Aussterben der betreffenden Gattung gleichbedeutend wäre. 1 

i) Diesen Gedankengang erzählte ich einmal (1919) dem ob seiner 
geschlechtsumstimmenden Tierexperimente bekannten Prof. Steinach 






VIII. Begattung und Befruchtung 89 

Die Unlustnatur der bei der Befruchtung sich entladenden 
Spannung wäre, wie gesagt, die letzte Ursache der Ver- 
einigung des Genitales mit den Ausscheidungsorganen; wir 
wiesen auch bereits darauf hin, daß die so allgemein ver- 
breitete Tendenz zur Kastration, wie sie sich bei Psychosen 
mit großer Vehemenz äußert, in letzter Linie durch die 
Unerträglichkeit dieser Unlust verursacht ist. Als phylo- 
genetischer Beitrag zu dieser Auffassung könnte uns viel- 
leicht das Auftreten des Descensus testiculorum und des 
Descensus ovarii bei den höheren Säugetieren dienen. Die 
Keimdrüsen befinden sich bei niederen Tieren zeitlebens, 
bei höheren bis zum Ende der Fötalzeit tief im retroperi- 
tonalen Gewebe versteckt und senken sich, bei Letzteren 
erst später, das Bauchfell vor sich herstülpend, in die 
Beckenhöhle, die Hoden sogar unter die Haut des Hoden- 
sackes nach außen. Es gibt Tierarten (die Talpiden), bei 
denen dieser Abstieg nur zur Brunstzeit erfolgt und dann 
rückgängig gemacht wird; es soll auch Tiere geben, deren 
Keimdrüsen nur beim Begattungsakt selbst descendieren. 
Nebst der Tendenz zur räumlichen Annäherung an die 

in Wien und übergab ihm ein kurzes Memorandum, in dem ich die Gründe 
anführte, die die Experimentatoren berechtigen würde, Verjüngungs- 
versuche anzustellen. Ich führte darin aus, daß wenn, wie ich meine, 
die Verödung des Keimplasmas das Sterben des Soma beschleunigt, 
die Einpflanzung frischen Gonadenmateriales die Lebensgeister des 
Soma zu neuer Arbeit anfachen, d. h. das Leben verlängern müßte. 
Prof. Steinach teilte mir dann mit, daß er die Idee der Verjüngung 
mittels Hoden- und Eierstockgewebes bereits realisierte und zeigte mir 
auch die Photographien verjüngter Ratten. Aus den bald darauf er- 
schienenen Veröffentlichungen Stein ach s wurde aber klar, daß er nicht 
die Keimzellen selbst, sondern das interzelluläre Gewebe als die zum 
Leben reizende Substanz ansieht 



qo Versuck einer Genitaltheorie 

Ausscheidungsorgane, könnte sich im Descensus auch die 
Neigung ausdrücken, sich der Keimdrüsen en bloc zu ent- 
ledigen, um sich aber schließlich mit der Ausscheidung 
der Drüsensekrete zu begnügen, gleichwie wir bei der 
Analyse des Koitusaktes die Erektion als Andeutung einer 
Tendenz zum totalen Abstoßen des Genitales deuteten, die 
sich am Ende auf die Ausstoßung des Ejakulates beschränkt. 

Da wir die die Befruchtungsvorgänge anregenden Motive 
nur nach Analogie der entsprechenden Motive der Begattung 
erraten wollten, die für uns auch psychologisch zugänglich 
sind, können wir kaum etwas darüber aussagen, ob auch 
hier nebst den Unlustmomenten, die zur Befruchtung 
drängen, auch „lustvolle" Wiederholungstendenzen solcher 
Natur mitwirken, wie wir sie als erotische Triebe, als 
Triebe, die Spannung anhäufen, um ihre Lösung zu ge- 
nießen, von den übrigen Trieben gesondert haben. Wir 
haben aber gar keinen Grund, diese Möglichkeit außer 
Acht zu lassen. Haben wir uns einmal getraut, anzunehmen, 
daß im physiologischen Prozesse der Begattung rein trauma- 
tischer Zwang und erotischer Drang sich kompromissuellen 
Ausdruck verschaffen, und scheuten wir uns nicht, dem 
Keimplasma und deren zelligen Elementen die Tendenz 
zur Verschmelzung (aus Unlustmotiven) zuzuschreiben, so 
dürfen wir uns getrost vorstellen, daß bei dieser Vereinigung 
in ähnlicher Weise auch Lusterwerbsmotive mitwirken können, 
wie beim Prozesse der Begattung, die nach der hier 
dargelegten Anschauung nicht nur unerledigte traumatische 
Erschütterungen auszugleichen hilft, sondern auch Feste 
der Errettung aus großer Not feiert. 



" *'■ 



VI II. Begattung und Befruchtung 91 



Wir sprachen von einer gegenseitigen Beeinflussung 
zwischen Soma und Keimplasma, sprachen aber noch nichts 
davon, wie wir uns etwa die Beeinflussung des Keim- 
plasmas durch das Soma denken. Niemand wird wohl 
von uns erwarten, die vielumstrittenen Fragen der Vererbung 
erworbener Eigenschaften hier aufzurollen. Was die Psycho- 
analyse darüber sagen kann, hat Freud in seiner biologi- 
schen Synthese bereits mitgeteilt. Zu den Argumenten, die 
er gegen die Weismannsche Behauptung von der Un- 
beeinflußbarkeit der Nachkommen durch die Erlebnisse der 
Vorfahren anführt, könnten wir höchstens noch die gerade 
in Freuds Sexualtheorie hervorgehobene psychoanalytische 
Erfahrung anführen, wonach nichts im Organismus vorgeht, 
was nicht auch die Sexualität in Miterregung brächte. 
Wenn nun diese sexuelle Erregung immer auch auf das 
Keimplasma einwirkte und wenn wir dieses Keimplasma 
für geeignet hielten, solche Spuren zu registrieren, so 
könnten wir uns ein Bild davon formen, wie etwa solche 
Beeinflussung entstehen kann und konnte. Zum Unterschied 
von der „pangenetischen" Entstehung der Keimsubstanz, 
die uns Darwin lehrte, meinen wir allerdings, daß die 
Keimzellen nicht einfach als die Abbilder des Somas aus 
dessen Abspaltungen sich zusammensetzen, sondern ihren 
Stammbaum auf viel ältere Zeiten zurückführen, als das 
Soma selbst. Allerdings werden sie aber dann, und zwar 
wirklich pangenetisch, oder um das neugeprägte Wort anzu- 
wenden : amphimiktisch, auch von den späteren Schicksalen 
des Somas entscheidend beeinflußt, wie denn umgekehrt 
auch das Soma nicht nur von den Reizen der Außenwelt 
und den eigenen Antrieben, sondern auch von den Ten- 






92 



Versuch einer Genitaltkeorie 



denzen des Keimplasmas Triebreize zu bekommen scheint. 
Erinnern wir uns, daß wir uns all diese verschlungenen 
Vorstellungen über das Verhältnis von Soma und Keim- 
plasma nur darum bilden mußten, um die Analogie (und 
Homologie) zwischen den Befruchtungs- und den Begattungs- 
organen und -Vorgängen verständlicher zu machen. Vielleicht 
ist es uns bis zu einem gewissen Grade auch gelungen. 
Zur Erleichterung der Übersicht über das Gesagte möchten 
wir zum Schluß die von uns befürwortete „coenogenetische 
Parallele" in einer synoptischen Tabelle zusammenfassen; 



1 ' " 


Phylogenese 


Ontogenese 


I. Katastrophe 


Entstehung organischen 
Lebens 


Reifung der 
Geschlechtszellen 


12, Katastrophe 


Entstehung individueller 
einzelliger Wesen 


„Geburt" d. reifen Keim- 
zellen aus d. Keimdrüse 


III Katastrophe 


Beginn der geschlecht- 
lichen Fortpflanzung 


Befruchtung 


Artentwicklung 
im Meere 


Embryonalentwicklung 
im Mutterleibe 


IV. Katastrophe 


See-Eintrocknung, An- 
passung ans Landleben 


Geburt 


Entwicklung v. Tierarten 
mit Begattungsorganen 


Entwicklung des Primats 
der Genitalzone 


V. Katastrophe 


Eiszeiten, 
Menschwerdung 


Latenzzeit 



Zwei Rubriken dieses Schemas bedürfen einer Er- 
läuterung. Indem wir die Entstehung organischen Lebens 
von dem individueller einzelliger Wesen auseinander halten, 
postulieren wir eigentlich eine Verdoppelung der von 
Freud bei der Belebung der Materie vorausgesetzten 



VIII. Begattung und Befi-uchtung gr 

kosmischen Katastrophe. Die erste hätte nur die Ent- 
stehung organischer, d. h. nach einem gewissen Organi- 
sationsplane konstruierter Materie, die zweite die Los- 
lösung isolierter, mit Autonomie und Autarkie begabter 
Individuen aus dieser Materie zur Folge gehabt. Wie 
schon der Doppelsinn des Wortes „Materie" besagt, die 
ja wörtlich Muttersubstanz heißt, möchten wir den zweiten 
Prozeß als die allererste Geburt, das Vorbild aller späteren 
Geburten ansehen. In diesem Sinne müßten wir also doch 
zur Annahme Freuds zurückkehren, wonach das Ent- 
stehen des Lebens (zumindest des Individuellen) in einer 
Zerreißung des Stoffes bestand. Am Ende war dies ein erstes 
Beispiel für die Autotomie: äußere Veränderungen mögen 
den Stoffelementen das Zusammengesetztsein zu einem 
großen Komplex unerträglich gemacht und die Umgrup- 
pierung zu kleineren Einheiten veranlaßt haben. Analoge 
Kräfte können ja auch beim Entstehen des ersten Kristall- 
individuums aus einem kristallinischen Stoffe, beziehungs- 
weise aus der „Mutterlauge" und zwar wieder durch „Ein- 
trocknung" am Werke gewesen sein.' 

Die andere Rubrik, die einer Erläuterung bedarf, ist 
die Einstellung der Eiszeiten als letzter Katastrophe, die 
die menschlichen Vorfahren getroffen hat. In der Studie 
über die Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (19 10 ) 
versuchte ich die Kulturentwicklung als Reaktion auf diese 
Katastrophe hinzustellen. Nun müssen wir dem hinzufügen, 
daß durch die Eiszeiten auch die bereits erreichte genitale 
Entwicklungsstufe des erotischen Wirklichkeitssinnes eine 

1) Die naiv animistische Denkart dieser Auffassung soll im Späteren 
noch gerechtfertigt werden. 



94 Versuch einer Genitaltkeorie 

nachträgliche Einschränkung erfuhr und die als solche un- 
verwendeten Genitaltriebe zur Verstärkung „höherer" intellek- 
tueller, moralischer Leistungen verwendet wurden. 

Wir hatten schon einigemale Gelegenheit, die Genital- 
bildung selbst, wie auch die durch sie ermöglichte Ent- 
lastung des übrigen Organismus von Sexualtrieben als 
einen wesentlichen Fortschritt in der Arbeitsteilung und als 
Faktor bei der Entwicklung des Realitätssinnes hinzustellen. 
Nachzutragen wäre, daß hiefür auch phylogenetische Par- 
allelen vorhanden sind. Bei den amnioten Wirbeltieren, 
die, wie wir hörten, zum ersten Male Begattungsorgane 
entwickeln, beginnt auch die Krümmung des bis dahin 
gradgestreckten Gehirns; es steht auch geschrieben, daß 
bei den plazentalen Tieren zum ersten Male das corpus 
callosum, und damit die assoziative Verknüpfung beider 
Hirnhälften, wohl ein bedeutender Fortschritt in der intellek- 
tuellen Leistungsfähigkeit, zur Entwicklung gelangt. Die 
menschliche Kulturentwicklung in der Latenzzeit wäre also 
nur eine allerdings wesentlich modifizierte Äußerung der 
uralten, innigen Verknüpfung zwischen Genital trieb und 
Intellektualität. 

Ist aber einmal von Hirnentwicklung die Rede, so wollen 
wir einen andern Gedanken mitteilen, der auf die Be- 
ziehung zwischen Genitalität und Intellektualität einiges 
Licht wirft, zugleich aber auch auf ein organisches Vor- 
bild der Funktionsart des Denkorgans hinweist. Wir 
sprachen davon, eine welch' bedeutsame Rolle der Geruchs- 
sinn in der Sexualität spielt. Wir wissen anderseits, daß 
in der Entwicklung des Gehirns die Bedeutsamkeit des 
Riechhirns (und damit auch die Rolle des Geruchs bei 



VIII. Begattung und Befruchtung gc> 

der Sexualität) immer mehr zurück — und die anatomische 
und funktionelle Erstarkung der Großhirnhemisphären in 
den Vordergrund tritt. Für ein Wesen mit aufrechtem 
Gange wird schließlich statt der Nase das Auge zur 
Leitzone, auch im erotischem Sinne; Menschenaffe und 
Mensch sind eben „Augentiere" im Sinne des Tier- 
beobachters Th. Zell. Wir meinen nun, daß zwischen der 
Tätigkeit des Geruchsorganes und dem Denken eine so 
weitgehende Analogie besteht, daß das Riechen förmlich 
als biologisches Vorbild des Denkens betrachtet 
werden kann. Beim Riechen „kostet", „schmeckt" das Tier 
minimale Spuren des Nahrungsstoffes, indem es an dessen 
gasförmigen Emanationen schnüffelt, bevor es sich ent- 
schließt, ihn als Speise zu verzehren; ebenso schnüffelt 
der Hund am Genitale des Weibchens, bevor er ihm 
seinen Penis anvertraut. Was aber ist, nach Freud, die 
Funktion des Denkorgans? Eine Probehandlung mit kleinsten 
Energiequantitäten. Und die Aufmerksamkeit? Ein inten- 
tionelles periodisches Absuchen der Umwelt mit Hilfe der 
Sinnesorgane, wobei nur kleine Kostproben der Reize zur 
Wahrnehmung zugelassen werden. — Denkorgan und Ge- 
ruchsinn: beide stehen im Dienste der Realitätsfunktion, 
und zwar sowohl der egoistischen, wie auch der erotischen. 

Wir sind von unserem Thema, dem Verhältnis der Be- 
gattung zur Befruchtung etwas abgeschweift, es ist aber 
nicht leicht, der Verführung zu widerstehen, hie und da 
auch die Perspektiven zu betrachten, die sich vor einem 
bei der Beschäftigung mit dem zentralen biologischen 
Problem der Arterhaltung eröffnen. Wir glauben auch 



/ 



9 6 



Versuck einer Genital theorie 



nicht, eine vollgültige Begattungstheorie gegeben zu haben, 
aber immerhin eine, die sich in Ermangelung eines Besseren 
bewähren kann. Sagte doch auch Goethe, eine schlechte 
Theorie sei besser als gar keine und wir können uns auch 
auf Ernst Haeckel berufen, der in seiner „Natürlichen 
Schöpfungsgeschichte" den Satz ausspricht: „Wir müssen 
zur Erklärung der Erscheinungen jede mit den wirklichen 
Tatsachen vereinbare, wenn auch schwach begründete 
Theorie so lange annehmen und beibehalten, bis sie durch 
eine bessere ersetzt wird." 



C) 

ANHANG UND AUSBLICKE 



I 



IX 

COITUS UND SCHLAF 

„Schlaf ist Schale, wirf sie fort!" 

Goethe, Faust, U. T. 

Wir haben zu oft und zu eindringlich auf die weit- 
gehende Analogie zwischen den Tendenzen, die in der 
Begattung und im Schlafe realisiert sind, hingewiesen, als 
daß wir uns der Aufgabe entziehen könnten, diese zwei 
biologisch so bedeutsamen Einrichtungen auf ihre Ähnlich- 
keiten und Unterschiede etwas näher zu prüfen. In den 
„Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes" war der 
erste Schlaf des Neugeborenen, zu dem ihn die sorg- 
fältige Isolierung Einhüllung, Erwärmung seitens der Pflege- 
personen verhilft, als eine Nachahmung der Existenz im 
Mutterleibe beschrieben. Das durch das Geburtstrauma 
erschütterte, ängstlich schreiende Kind beruhigt sich bald 
in dieser Situation, die ihm einerseits real, anderseits auf 
psychisch -halluzinatorischem Wege, d. h. illusionär, die 
Empfindung verschafft, als hätte die große Erschütterung 
gar nicht stattgefunden. Freud 1 sagt denn auch, daß der 
Mensch eigentlich nicht vollkommen geboren werde, sondern 
die Hälfte seiner Lebenszeit gleichsam im Mutterschoße 
verbringe, indem er sich zur Nachtruhe begibt. 

i) Vorlesungen zur Einführung- in die Psychoanalyse. 



Versuch einer Genitaltheorie 



Wenn wir aber einerseits den Schlaf, anderseits die Be- 
gattung mit der Mutterleibssituation gleichsetzen mußten, 
so müssen wir logischerweise Schlaf und Begattung auch 
miteinander im Wesen gleichsetzen. Wir meinen auch 
in der Tat, daß in beiden Vorgängen dasselbe Regressions- 
ziel wenn auch mit ganz verschiedenen Mitteln und in 
verschiedenem Maße erreicht wird. Der Schlafende, indem 
er die ganze störende Umwelt negativ-halluzinatorisch ab- 
leugnet, die psychische und physiologische Interessen- und 
Aufmerksamkeitbesetzung auf den Wunsch des Ruhens 
konzentriert, erreicht das Regressionsziel fast ausschließlich 
auf irreal-phantastischem Wege, während wir von der Be- 
gattung behaupten mußten, daß sie dieses Ziel, wenn 
auch zum Teile gleichfalls nur illusionär, so doch zu einem 
anderen Teile auch real erreicht: das Begattungsglied und 
das Genitalsekret dringen ja wirklich in den Mutterleib ein. 
Schlaf und Begattung sind also gleichsam Anfang und Ende 
der bisher durchgemachten Entwicklung zur „erotischen 
Realität". Der Schlafende ist Autoerotiker, er stellt in toto 
ein Kind dar, das die Ruhe im Leibesinneren der Mutter 
genießt und sich um die sonstige Außenwelt in seiner ab- 
solut narzißtischen Verschlossenheit überhaupt nicht kümmert. 
Der sich Begattende muß viel umständlichere Vorberei- 
tungen treffen, vor allem sich eines zur Befriedigung ge- 
eigneten Objektes bemächtigen, also einen viel höheren 
Grad von Realitätssinn betätigen, bevor er sich im Orgas 
mus auch in toto die schlafähnliche Glücksillusion gönnt; ihm 
werden also viel schwierigere Bedingungen gestellt, die erfüllt 
sein müssen, soll der Wunschvorstellung die Wahrnehmungs- 
identität (Freud) folgen. Man könnte auch sagen, daß 



IX. Coitus und Schlaf ioi 

der Schlaf sich autoplastischer, die Begattung alloplastischer 
Mittel bedient, daß der Schlaf mit Projektions-, der Coitus 
mit Introjektionsmechanismen arbeitet. Aber auch bei der 
Begattung ist vorsichtigerweise dafür gesorgt, daß die 
erotische Regression nicht die Grenze übersteigt, die die 
übrige Existenz gefährden könnte; nur ein Teil des Körpers 
(das Genitale) ist für die Realbefriedigung bestimmt, während 
der übrige Körper sich am Akte nur als Hilfsorgan betätigt, 
ohne die aktuell erforderlichen Anpassungsleistungen ganz 
einzustellen (Atmung etc.). 

Für beide Prozesse ist die Ausschaltung der Außenreize, 
das Aufgeben des „Beziehungslebens" (um den Ausdruck 
Liebeault's zu gebrauchen) charakteristisch: die Herab- 
setzung der Reizempfindlichkeit, das Aufgeben jeder Ziel- 
handlung mit Ausnahme jener, die der Wunscherfüllung 
dienen. In diesem Charakter ahmen allerdings beide, und zwar 
mit merkwürdiger Genauigkeit, die intrauterine Existenzform 
nach. Da wir dieses bezüglich der Begattung bereits aus- 
führlich auseinandersetzten, möchten wir nur noch die 
Charakterisierung des Schlafzustandes in der Beschreibung 
Pieron's anführen. Als „caracteres du sommeil" nennt er: 

inactivite, immobilite, relächement du tonus ??zuscu- 

laire, position compatible avec le reldchement, absence 
generale de reactivite induite, persistance de reactions reflexes, 
mangue de readions volontaires" und im Allgemeinen: 
„dispariäon de la pluspart des rapports sensüivo-moteurs 

avec le ?nilieu. 

Sowohl der Schlaf, als auch die Begattung, besonders 
aber der erstere sind durch Körperhaltungen charakterisiert, 
die auch von ganz unvoreingenommenen Beobachtern als 



102 



Versuch einer Genitaltheorie 



„fötale Schlafsteliung" beschrieben wurden. Die Extremitäten 
sind an den Leib gezogen, so daß der ganze Körper 
gleichsam die Kugelform annimmt, wie sie bei den Raum- 
verhältnissen in utero naturnotwendig ist. Weitgehende 
Analogien lassen sich zwischen Schlaf und Embryonalzu- 
stand in Bezug auf die Ernährungsfunktion feststellen. Die 
Tiere sind tagsüber mit der Beschaffung und der Ver- 
dauung der Nahrungsstoffe beschäftigt, die eigentliche 
Resorption, d. h. die Aufnahme der Nahrung in die Gewebe, 
findet nach der Aussage der Physiologen mehr in der Nacht 
statt. („Qui dort dine") Demgemäß gibt der Schlaf die 
Illusion einer mühelosen Nahrungszufuhr, die jener in utero 
ähnlich ist. Es wird auch vielfach behauptet, daß Wachs- 
tum und Regeneration überwiegend während des Schlafens 
vor sich gehen, Wachstum ist aber auch sozusagen die 
einzige Tätigkeit der Frucht im Mutterleibe. 

Die Atmung, von deren Veränderungen beim Begattungs- 
akte wir bereits berichteten, ist während des Schlafens 
bedeutend vertieft. Es ist möglich, daß durch die ver- 
längerten Atempausen die Sauerstoffversorgung des Schlafen- 
den dem apnoetischen Zustande des Fötus angenähert wird. 
Im Wasser lebende Säugetiere, z. B. Seehunde, blähen im 
Schlafe ihre Lungen auf und halten sich unter Wasser auf, 
um nach längerer Pause zum Atemholen wieder emporzu- 
tauchen. Auch vom Chamäleon heißt es, daß es im Schlaf 
seine Lungen ungeheuerlich aufblähe. 

Vom Fußsohlenreflex des Schlafenden wird geschrieben, 
daß er mit dem sogenannten Babinsky' sehen Zeichen 
behaftet ist; dasselbe wird von Beobachtern, die das Ver- 
halten des Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt 



IX. Coilus und Schlaf 103 



prüften, von dem Letzteren behauptet. Dieses Zeichen 
ist ein Symptom der noch nicht entwickelten Hemmungs- 
einrichtungen des Gehirns, insbesondere der mangelhaften 
Hemmung der Rückenmarksreflexe. Aber auch der Schlafende 
hat nach der Aussage eines berühmten Physiologen nur 
eine „Rückenmarksseele". Dieser Ausspruch stimmt sehr 
gut mit unseren Ausführungen über phylogenetische Regres- 
sion überein; die Mitwirkung eines archaischen Regressions- 
zuges können wir auch beim Schlafzustand annehmen. 
(Der Begattungsakt brächte zu diesem Stadium nur in der 
Endphase, im Orgasmus eine Analogie.) 

Merkwürdig ist die Innervation der Augenmuskeln im 
Schlafen; die Augen sind nach außen und oben rotiert; 
die Physiologen sagen geradezu, daß dies ein Rückfall zu 
einer Augenstellung sei, die für Tiere ohne binoculäres 
Sehen (z. B. Fische) charakteristisch sei. Die Augenlider 
sind im Schlaf, nicht etwa ptotisch, sondern durch ge- 
wollte Zusammenziehung der Lidmuskeln, geschlossen. 

Auch die Veränderungen der Wärmeregulierung, aie 
beim Schlafenden zu beobachten sind, müssen hier erwähnt 
werden. Es ist bekannt, um wie viel leichter man im 
Schlafe abkühlt und wie viel besser für den Wärmeschutz 
des Schlafenden gesorgt werden muß. Auch dies wäre ein 
Rückfall in's Embryonale, wo doch auch das mütterliche 
Milieu für die Wärme sorgt. Aber vielleicht handelt es 
sich hier auch um eine tiefergreifende Regression zur 
Poikilothermie der Fische und Amphibien. 

Es gibt, um die Analogie mit der Begattung zu steigern, 
auch „soziale Schlafgewohnheiten", wobei sich zwei (oder 
mehrere) Tiere zum Erreichen des gegenseitigen Wärme- 



104 Versuch einer Genitaltheorie 

Schutzes im Schlafe aneinander legen. Doflein beschreibt, 
wie fliegende Hunde, Rebhühner zusammengeballt schlafen, 
letztere einen Kreis bildend, mit den Köpfen nach außen 
angeordnet. Manche Vögel bilden im Schlaf dichte Ballen 
indem sie aufeinander sitzen und sich aneinander an- 
klammern- gewisse südamerikanische Affen halten Schlaf- 
versammlungen ab. 

Es besteht eine gewiße Reziprozität zwischen Genitalität 
und Schlaf auch insoferne, als die Schlafdauer beim Heran- 
reifen ab-, die Sexualtätigkeit dagegen zunimmt. „C'est par 
le so?nmeil que commence ?iotre existence, le fe'tus dort presque 
continuellement" sagt Buffon. Das zur Welt gekommene 
Kind schläft nur mehr zwanzig Stunden täglich, dafür beginnt 
es sich auto erotisch zu befriedigen. Beim Envachsenen stört, 
wie wir hörten, die unbefriedigte Genitalität den Schlaf oft 
außerordentlich: Schlaflosigkeit ist meist Beischlaflosigkeit, 
sagt die Psychoanalyse. Im Greisenalter hört sowohl der 
Schlaf — als auch der Genitaltrieb allmählich auf, wahr- 
scheinlich um den weiter zurückgreifenden Destruktions- 
trieben den Platz einzuräumen. 

Für den genetischen Zusammenhang zwischen Schlaf 
und Genitalität spricht das häufige Auftreten autoerotischer, 
masturbatorischer und pollutionärer Akte im Schlafe, sie ist 
vielleicht auch eine der Ursachen der Enuresis nocturna. Hin- 
gegen herrscht bei gewissen nördlichen Volksstämmen, z. B. 
denSamojeden, zur Zeit der lichtlosen Wintermonate, eine Art 
Winterschlaf, während dessen die Frauen nicht menstruieren. 
Bekannt sind die engen Beziehungen zwischen Schlaf 
und Hypnose; anderseits mußte die Psychoanalyse auf die 
Wesensgleichheit sexueller und hypnotischer Beziehungen 






— =n 



IX. Coihis und Schlaf Jo e 



hinweisen.' Praktische Psychotherapeuten benützen oft den 
normalen Schläfrigkeitszustand dazu, um ihre Medien ge- 
fügig zu machen; übrigens hat auch der elterliche Befehl: 
Geh schlafen! deutlich hypnotisierende Wirkung auf das 
Kind. Fortgesetzte absichtliche Störung des natürlichen 
Schlafbedürfnisses trägt bei vielen religiösen Sekten dazu 
bei, den Eigenwillen des neuen Adepten zu brechen, gleich- 
wie der Falkenjäger nur mit Hilfe unausgesetzter Ver- 
hinderung am Einschlafen den Raubvogel zu einer Gehor- 
samkeit erzieht, die ihn zum willenlosen Diener seines 
Herrn macht. Offenbar ist der Wunsch zu schlafen, sich 
vor der ermüdenden Wirklichkeit halluzinatorisch in die 
Mutterleibs- und in eine noch archaischere Ruhe zu be- 
geben, ein so intensiver, daß ihm zu Liebe alle geistigen 
und körperlichen Kräfte auch in ungewohnter Weise ange- 
strengt werden (hypnotische Mehrleistungen). Es ist aber 
damit nicht anders als mit der hypnotischen Gefügigkeit 
überhaupt, die wir ja gleichfalls auf Liebes- und Angstge- 
fühle zu den Eltern zurückführen mußten. (,, Vater- und 
Mutter-Hypnose"). Wir sahen übrigens, daß es auch die 
Genitalität nicht verschmäht, sich hypnoseähnlicher Wirkungen 
zu bedienen, wenn es sich darum handelt, der Liebesob- 
jekte habhaft zu werden (Sekundäre Geschlechtsmerkmale). 
Die kataleptische Starre der Hypnotisierten erinnert, worauf 
zuerst Bj erre hinwies, lebhaft an die fötale Körpersituation. 2 



r) Introjektion und Übertragung-, 1. c. vom Verf. 

2) Der anderen Behauptung Bjerre's, auch die Suggestion sei eine 
Regression aufs Praenatale, konnte ich nicht folgen, sondern mußte diese 
psychische Reaktionsweise auf elterliche Einflüsse des Extrauterinlebens 
zurückführen. 



IOÖ Versuch einer Genitaltkeorie 

Die vielfach aufgeworfene Frage, ob die Liebe eine Hyp- 
nose und die von uns vertretene Anschauung, daß die 
Hypnose eigentlich Liebe ist, findet also nunmehr in der 
gemeinsammen Beziehung beider zur Mutter-Kindsituation 
ihre einheitliche Lösung, die nur noch durch den Hinweis 
auf phylogenetisch viel ältere Antezedentien (Sich-tot-stellen 
der Tiere, Mimikry) zu ergänzen ist. 

Der Seelenzustand im Schlafe, den wir mit dem des 
Orgasmus gleichsetzten, entspricht also dem des vollen, 
wunschlosen Befriedigtseins, den ein höheres Lebewesen nicht 
anders als durch Wiederherstellung der intrauterinen Ruhe 
reproduzieren kann. Insoferne aber Störungsreize („Tages- 
reste") diese Ruhe hindern wollen, werden sie durch hallu- 
zinatorische Umdeutung (Traumarbeit) in Wunscherfüllungen, 
in Träume, umgewandelt, und die tiefste Deutung sexueller 
Träume nach den Regeln der Freud sehen Traumlehre 
ergibt einerseits den Sexualverkehr im Sinne der Odipus- 
phantasie, anderseits die Existenz im Mutterleibe oder die 
Wiederkehr dorthin als Traumerklärung. Naturwissenschaft- 
liche und psychoanalytische Erfahrungen' zwingen uns also, 
die wunscherfüllende Natur der Träume nur als ein psychisches 
Pendant zur allgemeinen Mutterregressionstendenz anzusehen, 
wie sie sich im Biologischen offenbart. 2 

Die Analogie zwischen Schlaf und Begattung wird durch 
die Periodizität beider nur noch gesteigert. Die Ansamm- 

i) Rank geht in seiner Arbeit „Das Trauma der Geburt" von dieser 
Bedeutung der analytischen Träume aus. 

2) Die Regression des Schlafenden in eine archaische Existenzform 
ist mit der Halluzination im Schlafe vergleichbar und könnte als Bei- 
spiel einer „organischen Halluzination" genannt werden. 



IX. Coitus und Schlaf 



107 



hing der Ermüdungsstoffe, die die Schläfrigkeit einleitet, 
erinnert uns lebhaft an die Art, wie wir uns die amphi- 
miktische Sammlung und Abfuhr der Sexualspannungen 
vorstellen mußten. (Siehe dazu Claparede's biologische 
Schlaftheorie: „Nous dor??zons pour ne p a s eire faiigues") 
und auch die erfrischende Wirkung des Schlafes mag vieles 
mit der gesteigerten Leistungsfähigkeit nach normaler Sexual- 
befriedigung gemeinsam haben. Doch auch hier müssen 
wir uns auf die intrauterine Existenz als tertium comparationis 
beziehen: die vorübergehende Krafterneuerung 1 verdankt 
der Mensch im Sexuellen sowie im Schlaf dem passageren 
Untertauchen in jene paradiesische Existenz, in der es noch 
keine Kämpfe gab, sondern nur ein Wachsen und Gedeihen 
ohne jede Anstrengung. Man behauptet, daß die Heilungs- 
vorgänge bei Krankheiten hauptsächlich im Schlafe vor sich 
gehen, man spricht auch, wie wir glauben mit Recht, von 
•wunderbaren Heilwirkungen der Liebe- in beiden Fällen 
scheint ja die Natur auf uralte generative Kräfte zurück- 
zugreifen, um sie in den Dienst der Regeneration zu stellen. 
Wir möchten es nicht versäumen, auch hier auf Sprüche 
der Volksweisheit und auf Aussagen intuitiver Geister hin- 
zuweisen, die unsere Auffassung zu bestätigen scheinen. 
Einer, der sich gut ausgeschlafen hat, fühlt sich ,,wie neu- 
geboren". Der Schlaf ist nach Shakespeare: 

„ .... der Müden Bad, 

Der zweite Gang- am Tische der Natur, 

Des Tages schöner Tod. 

(Macbeth IL 3.) 



1) S. auch C. G. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido. 
Jahrb. f. PsA. IV. 1912. 



108 Versuch einer Gemtaltheorie 



Ein Kenner der Physiologie des Schlafes, Trömner, 
schreibt in der Einleitung zu seinem kleinen Buche über 
den Schlaf Sätze, die von Gleichnissen strotzen, welche 
wir viel ernsthafter nehmen, als wohl der Verfasser selbst. 
Von dem Erwachen aus dem Schlafe sagt er dort: ,, . . . So 
ersteht Licht und Leben aus dem Schöße von Nacht und 
Nichts. Aber die Nacht entläßt ihre Geschöpfe nicht 
dauernd, sie hält sie fest, sie zwingt sie periodisch 
zurück in ihren schweigenden Schoß. . . . Wir müssen 
täglich wieder zurück zum Schöße der allernährenden 
Nacht. In seinem Dunkel wohnen die wahren Mütter des 
Daseins." 1 

Wir zitieren auch Hufeland (nach Trömner): 

,,Schlaf ist des Menschen Pflanzenzeit, 
Wo Nahrung-, Wachstum baß gedeiht, 
Wo selbst die Seel' vom Tag verwirrt, 
Hier gleichsam neu geboren wird." 

Der Schlafzustand repräsentiert aber gleichwie der Seelen- 
zustand bei der Begattung und die Existenz im Mutter- 
leibe auch die Wiederholung längst überwundener Formen 
der Existenz, ja auch der Existenz vor der Entstehung 
des Lebens. Der Schlaf ist nach einem alten lateinischen 
Spruch der Bruder des Todes. Beim Aufwachen aber, 
dieser täglichen Wiedergeburt, wirken noch immer auch jene 
traumatischen Kräfte fort, die die Materie zum Leben „er- 
weckt" hat. Jede notgedrungene Weiterentwicklung ist ja 
ein solches Erwecktwerden aus relativer Ruhe. „Le vegetal est 
un animal qui dort", sagt Buffon. Aber auch die Embryo- 
genese ist wie ein Schlaf, der nur durch die palingenetische 



i) Die Hervorhebungen vom Verfasser. 





_ . 






IX, Coitus und Schlaf 209 



Wiederholung der Artgeschichte, wie durch einen bio- 
graphischen Traum gestört ist. 

Der Hauptunterschied zwischen Schlaf und Coitus dürfte 
aber der sein, daß im Schlaf nur die glückliche Mutter- 
leibsexistenz, im Coitus dagegen auch die Kämpfe dar- 
gestellt sind, die sich bei der „Vertreibung aus dem 
Paradiese" (kosmische Katastrophen, Geburt, Entwöhnungs- 
und Angewöhnungskämpfe) abspielten. 






1 



X. 

BIOANALYTISCHE KONSEQUENZEN 

Es ist unvermeidlich, daß wir am Ende des Gedanken- 
ganges angelangt, der uns, wenn auch nur vorläufig, über 
den Sinn des Genitalvorganges und seiner Äußerungsformen 
aufklären sollte, auf den Weg zurückblicken, den wir ge- 
gangen sind und uns Rechenschaft geben von der Methode, 
deren wir uns beim eifrigen Bau unseres Hypothesen- 
gebäudes bedienten. Unseren harmlosen Ausgangspunkt 
bildete eine beinahe noch physiologisch zu nennende Analyse 
des Ejakulationvorganges. Doch schon bei der näheren 
Erklärung dieses Prozesses verwendeten wir skrupel- 
los Erkenntnisse, die wir auf einem ganz anderen Wissens- 
gebiete, dem psychologischen gewonnen haben. Ob und 
inwieferne solches Vorgehen wissenschaftlich überhaupt 
zu rechtfertigen ist, soll an dieser Stelle nicht wieder 
untersucht werden. Begnügen wir uns hier mit der Fest- 
stellung der Tatsache, daß sich diese Verquickung psycho- 
logischer und biologischer Kenntnisse bei manchen schwie- 
rigen Fragen der Genitalität und der Fortpflanzung als 
heuristisch wertvoll erwies und uns Ausblicke verschaffte, 
die uns die regelrechte Wissenschaft nicht ahnen ließ. 

Die Behauptung von der Anwendbarkeit psychologischer 
Erkenntnisse bei der Lösung biologischer Probleme bedarf 



X. Bioanalytische Konsequenzen 1 1 1 

aber der Richtigstellung. Nicht das banal psychologische, 
sondern einzig und allein das psychoanalytische Wissen 
war uns bei unseren Problemlösungen behilflich, wie wir 
das im Folgenden an Beispielen beweisen wollen. Zunächst 
wollen wir aber nur allgemein betonen, daß die Anwend- 
barkeit der Begriffe und Methoden der Psychoanalyse auf 
andere Erkenntnisgebiete für uns ein neuerlicher Beweis 
dafür ist, daß die Lehre Freuds ein wesentliches Stück bisher 
unbekannter Wirklichkeit unserem Wissen zugänglich machte. 
Gleich zu Beginn, bei Besprechung der amphimiktischen 
Vermengung analer und urethraler Trieb qualitäten im Ejaku- 
lationsvorgang, verwendeten wir die uns aus der Seelen- 
analyse bekannten Begriffe der Verschiebung und Ver- 
dichtung. Die Loslösung qualitativ und quantitativ be- 
stimmter Energien von ihrem Objekt, ihre Verlegung auf 
andere Objekte oder die Ansammlung mehrerer Energie- 
arten und Mengen an einem und demselben Objekt war 
uns bisher nur in der Seelenanalyse geläufig, wir nannten 
sie die Verschiebung der Energiebesetzung von einer Vor- 
stellung auf eine andere und die Verdichtung heterogener 
Energien an einer bestimmten Vorstellung; die biologische 
Naturwissenschaft lehrte uns bisher von solchen Verlegungs- 
mechanismen nichts. Als Übergang zu unserer Annahme 
von der organischen Verschiebung und Verdichtung 
diente die psychoanalytische Hysterielehre, die Verschiebung 
von Vorstellungsenergie auf organische Betätigung (Kon- 
version) und ihre Rückverlegung ins Psychische (analytische 
Therapie). Es heißt nur einen Schritt weiter gehen, wenn 
man annimmt, daß solcher Energieaustausch auch im rein 
organischen Haushalt, also in der Wechselbeziehung der 



112 Versuch einer Genitaltheorie 



Organe selbst gang und gäbe — und einer Analyse zu- 
gänglich ist. Damit wäre aber auch der erste Stein zur 
Grundlegung einer neuen bioanalytischen Wissenschaft 
gegeben, die die psychoanalytischen Kenntnisse und Arbeits- 
weisen methodisch auf die Naturwissenschaften überträgt. 
Einige weitere „Grundsteine" mögen hier folgen. 

Das Zusammenarbeiten der Organe und Organteile ist 
nach der Konstruktion der „Genitaltheorie" nicht einfach 
die automatische Summierung nützlicher Arbeitskräfte zu 
einer Gesamtleistung. Jedes Organ hat eine gewisse „Indivi- 
dualität", in jedem einzelnen wiederholt sich der Konflikt 
zwischen Ich- und Libidointeressen, des uns bisher gleich- 
falls nur bei der Analyse der psychischen Indivi- 
dualitäten entgegentrat. Besonders die bisherige Physio- 
logie scheint aber die Bedeutsamkeit libidinöser Energien 
bei der normalen wie der pathologischen Organbetätigung 
unterschätzt zu haben, so daß die bisherige Nutzphysio- 
logie und -Pathologie, wenn sich nur ein Teil der genital- 
theoretischen Annahmen bewahrheitet, einer lustbiolo- 
logischen Ergänzung bedarf. Schon jetzt ließen sich die 
Grundlinien dieser neuen Disziplin skizzieren. 

Indem wir an einer anderen Stelle die Autotom ie-Tendenz 
mit der Verdrängung in Parallele brachten, wandten wir 
uns wieder um eine Anleihe an die Psychoanalyse. Die 
Zurückziehung der Besetzung von unlustbetonten Vorstellun- 
gen, worin das Wesen des Verdrängungsprozesses liegt, hat 
offenbar organische Vorbilder; es ist aber kaum abzusehen, 
welch' ungeahnte Vertiefung der naturwissenschaftlichen Ein- 
sicht daraus erwüchse, wenn es gelänge» durch Übertragung 
psychoanalytischer Denkweise die feinere Motivierung aller 



X. Bioanalytische Konsequenzen 1 1 1 

jener merkwürdigen Lebenserscheinungen zu erfassen, die auf 
solcher organischen Verdrängung beruhen. 

Die begriffliche Sonderung der erotischen Triebe, die 
nur dem Lusterwerb dienen, von den Übrigen nützlichen 
wäre ein weiteres für das Verständnis organischen Wesens 
überhaupt wichtiges Resultat dieser Untersuchung. Noch 
viel größere Bedeutsamkeit käme aber (wie dies bereits 
Freud in seiner Trieblehre feststellte) der sowohl das 
psychische wie auch das organische Leben beherrschenden 
Regressionstendenz zu. Es hat den Anschein, daß hinter 
der Facade, die uns die naturwissenschaftliche Deskription 
gibt, gleichsam als das biologische Unbewußte, die 
Arbeitsweise und die Organisation scheinbar längst über- 
holter Phasen der Individual- und Artentwicklung fort- 
leben; sie fungieren nicht nur als geheime Lenker auch 
der manifesten Organbetätigung, sondern überwältigen in 
gewissen Ausnahmszuständen (Schlaf, Genitalität, organische 
Krankheit) mit ihren archaischen Tendenzen die ober- 
flächlichen Lebensbetätigungen ebenso, wie in den Neu- 
rosen und Psychosen das normale Bewußtsein von psycho- 
logischen Archaismen überflutet wird. Es genügt, wenn 
wir hier auf die Beispiele des Schlafes und des Begattungs- 
aktes nochmals hinweisen; in beiden Zuständen regrediert 
das ganze psychische, zum Teil aber auch das organische 
Wesen auf die antenatale und wahrscheinlich auch auf 
eine phylogenetisch alte Lebensform. In ganz gleicher 
Weise wird man aber auch die Symptome der Entzündung, 
des Fiebers, der Geschwulstbildung, ja auch die banalsten 
pathologischen Reaktionen als die Wiederkehr embryonaler 
und noch älterer Tätigkeitsformen auffassen müssen. 

Ferencri 



II4 Versuch einer Genitaltheorie 



Ist dem aber so, und ist der Sinn der manifesten 
Symptome des normalen und des organischen Lebens in 
einer bisher ungeahnten Tiefendimension versteckt, dann 
ist die Analogie mit den Annahmen der Psychoanalyse eine 
noch auffälligere und wir sind erst recht gezwungen, die 
bisherige mehr flächenhafte Wissenschaft vom Leben durch 
eine Tiefenbiologie zu ergänzen. Damit hängt ein Punkt 
zusammen, auf den wir im Texte bereits hingewiesen haben. 
Die Flächenhaftigkeit der Ansichten brachte es' mit sich, 
daß man sich in der Naturwissenschaft meist mit einer ein- 
deutigen Auffassung der Lebenserscheinungen begnügte. 
Auch die Psychoanalyse war noch vor nicht langer Zeit der 
Ansicht, daß es ein Vorrecht des Psychischen sei, daß seine 
Elemente» und zwar ein und dasselbe Element, gleich- 
zeitig in mehrere genetisch verschiedene Kausalreihen ein- 
geschaltet sein können. Die Analyse bezeichnete diesen Tat- 
bestand mit dem Begriffe der Üb erdeterminier ung jedes 
psychischen Aktes, als direkte Konsequenz der Mehrdimen- 
sionali tat des Psychischen. Gleichwie zur Bestimmung eines 
Punktes im Räume mindestens drei Koordinaten notwendig 
sind, ist also auch die Erklärung einer psychischen und, 
wie wir nun meinen, auch einer naturwissenschaftlichen Tat- 
sache durch die Einreihung in eine linienförmige Ver- 
kettung oder in eine flächenhafte Verflechtung nicht 
genügend determiniert, wenn nicht auch seine Beziehungen 
zu einer dritten Dimension festgestellt sind. Eine merk- 
würdige und bisher nur im Psychischen beobachtete Tat- 
sache ist nun, daß dasselbe Element gleichzeitig in eine 
aktuelle und in eine Erinnerungsreihe eingeschaltet 
sein und analytisch lokalisiert werden kann, womit auch 



X. Bio analytische Konsequenzen 115 

die „Zeitlosigkeit" unbewußter Erinnerungsspuren ausgesagt 
ist. Indem wir diese im Psychischen gewonnenen Einsichten 
auch auf die Biologie übertrugen, konnten wir den Be- 
gattungsakt und 'den Schlaf gleichzeitig als Abfuhr aktueller 
Störungsreize und als Äußerung der Reproduktionstendenz 
der -anscheinend längst überwundenen Mutterleibs- und 
Seewassersituation darstellen, ja in ihnen die Wiederkehr 
noch viel archaischerer und primitiverer Ruhetendenzen 
(Trieb zum Anorganischen, Todestrieb) vermuten. In ähn- 
licher Weise müßte aber die bioanalytische Untersuchung 
aller Lebensprozesse hinter der manifesten Oberfläche das 
biologische Unbewußte aufdecken. Es würde sich zeigen, 
daß damit alle müßigen Fragen nach Sinn und Zweck der 
Entwicklung sich von selbst in die Frage nach den Motiven 
umwandeln würden, die alle in der Vergangenheit wurzeln. 
Es sei hier gestattet, auf einige Prozesse hinzuweisen, 
auf die diese Gesichtspunkte schon jetzt mit Erfolg an- 
wendbar wären. Nehmen wir die Ernährung des Säuglings, 
die doch durch die Beschreibung des Saugaktes, durch die 
Verdauungs Vorgänge, die Verteilung des Nährmaterials in 
den Geweben, durch die Einreihung in die chemisch-physi- 
kalische Ökonomie des Organismus (die Berechnung der 
Kalorienmengen etc.) scheinbar so gut charakterisiert ist. 
Dem Bioanalytiker wird nebst alledem noch auffallen, daß 
das erste Nährmaterial des Säuglings eigentlich der Körper 
der Mutter (resp. ihre in der Milch suspendierten Geweb- 
Elemente) sind. Nach Analogie des genitalen und embryo- 
nalen Parasitismus wird er sich denken, daß der Mensch, 
indem er Muttermilch und andere tierische Produkte ver- 
zehrt, eigentlich zeitlebens ein Parasit ist, der den Körper 

8* 



TJJj Versuch einer Genitaliheorie 



seiner menschlichen und tierischen Vorfahren einverleibt, die 
Darstellung dieser Nahrungsstoffe selbst aber seinen Wirten 
(Mutter, Tier) überläßt. In Fortsetzung dieses Gedankenganges 
wird er' aber dann auch zum Schlüsse kommen, daß dieser 
Prozeß, den man Ahnenfraß (Phylophagie) nennen könnte, 
überall im Lebendigen vorherrscht. Das omnivore oder 
fleischfressende Tier verzehrt die pflanzenfressenden, und 
überläßt die Sorge um den Aufbau der Stoffe aus dem 
Pflanzlichen den Letzteren. Der Pflanzenfresser nährt sich 
von Pflanzen, und läßt diese für ihn arbeiten, den Pflanzen- 
körper aus Mineralien aufbauen. In der Ernährung mit 
Muttermilch ist also nach der bioanalytischen Auffassung 
irgendwie die ganze Artgeschichte der Ernährung versteckt, 
zugleich aber auch in fast unkenntlicher Form dargestellt.« 
Ist aber einmal die Aufmerksamkeit auf diesen Umstand 
hingelenkt, so wird es gewiß gelingen, in gewissen Aus- 
nahmszuständen der Ernährung, z. B. in deren Pathologie, 
das deutlichere Aktivwerden gewöhnlich versteckter Regres- 
sionstendenzen zu erkennen. In ähnlicher Weise würde 
man etwa hinter dem Symptom des Erbrechens nicht 
nur die manifest wirkenden Ursachen sehen, sondern auch 
Regressionstendenzen zu einer embryonalen und phylogenen 
Urzeit, wo Peristaltik und Antiperistaltik von derselben 
Verdauungsröhre geleistet wurde (Urmund). 

Die Entzündungsvorgänge haben schon Cohnheim 
und Stricker nicht nur als aktuelle Reaktionen auf Reize, 

i) Aus der chemischen Konstitution des tierischen Eiweiß-Moleküls 
könnte also die vegetabile und mineralische Vergangenheit rekonstruiert 
werden. Damit wäre die Analogie zwischen psychischer und chemischer 
Analyse wesentlich vertieft. 



X. Bioanalytische Konsequenzen 117 



sondern als eine Art Gewebsregression zum Embryonalen 
beschrieben j aber auch sonstige pathologische Veränderungen 
werden wir, wie ich glaube, viel besser verstehen, wenn 
wir sowohl in ihren Zerfalls- als auch in ihren Heilungsvor- 
gängen die Wirksamkeit von Regressionstendenzen erkennen 
und beschreiben werden. 

Die bioanalytischen Untersuchungen der Vorgänge bei 
organischer Erkrankung werden uns, wie wir glauben, 
zeigen, daß die meisten ihrer Symptome auf eine neu- 
artige Verteilung der „Organlibido" zurückführbar sind. 
Die Organe leisten ihre Nützlichkeitsfunktion nur solange 
der Gesamtorganismus auch für ihre Libidobefriedigung 
sorgt. (Siehe die Libidoleistung des Genitales für den Ge- 
samtkörper.) Hört das auf, so mag die Neigung zur 
Selbstbefriedigung in den Organen wieder aufleben, zum 
Schaden der Gesamtfunktion, gleichwie ein schlecht be- 
handeltes Kind gerne zur Selbstbefriedigung greift. (Vgl. 
damit das Aufgeben der Nützlichkeitsfunktion bei der 
hysterischen Blindheit (Freud). Aber auch lokale Schädi- 
gungen dürften zur Einstellung der altruistischen Leistung 
und zur Entfachung „auto erotischer" Vorgänge in den 
Geweben führen. Wenn psychische Ursachen eine organische 
Erkrankung hervorrufen (Groddeck, Deutsch) so ge- 
schieht es mit Hilfe der Übertragung psychischer Libido- 
quantitäten auf eine bereits vorgebildete organ-libidinöse 
Einrichtung. Die vasomotorisch- trophischen Störungen liegen 
an der Grenze der (doch nur künstlich von einander ge- 
trennten) Gebiete neurotischer und organischer Erkrankung. 
Die Ohnmacht z. B. ist bei oberflächlicher Betrachtung 
nur die Folge der Anämie des Gehirns; die bioanalytische 



n g Versuch ein er Genitaltheorie 

Auffassung muß dem hinzufügen, daß dabei auch eine 
Regression der Blutdruckverhältnisse auf die Zeit vor dem 
aufrechten Gange stattfindet, wo die Blutversorgung des 
Gehirns noch keine so gesteigerte Splanchmcus -Wirkung 
erforderte. Bei psychogener Ohnmacht wird diese Regres- 
sion in den Dienst neurotischer Verdrängung gestellt. 

Als Vorbilder der bioanalytischen Mechanismen werden, 
wie ich glaube, immer die uns am besten bekannten Struk- 
turen der Neurosen und Psychosen dienen. In letzter Linie 
wird also ein unerschrocken animistischer Geist die physio- 
logischen wie die Krankheitsvorgänge sozusagen als Psycho- 
logie und Psychiatrie des Lebendigen darstellen müssen, 
stets eingedenk der ahnungsvollen Zeüen Goethe's: 
„Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen, , 

Und die seltsamste Form bewahrt im Geheimen das Urbild. ■ 

Eine nicht minder bedeutsame, zunächst aber gewiß sehr 
befremdende methodologische Neuheit, die wir uns in dieser 
Arbeit gestatteten, war die Verwertung der Symbolik als 
naturwissenschaftliche Erkenntnisquelle. Indem wir 
die in gewissen Seeleninhalten analytisch als solche erkannten 
„Symbole" nicht als wahllos-spielerische Äußerung der Phan- 
tasietätigkeit, sondern als historisch bedeutsame Spuren 
„verdrängter" biologischer Tatbestände auffaßten, gelangten 
wir zu wesentlich neuen und vielleicht nicht ganz unrichtigen 
Annahmen über den Sinn der Genitalität im allgemeinen 
und vieler ihrer Einzel-Erscheinungen. Es ist kaum ab- 
zusehen, welcher Entwicklungen diese Betrachtungsweise 

i) Ortvay wies darauf hin, daß die psychoanalytische Verdrängungs- 
lehre im Stande sei, die Mendel'schen Prozesse der „Dominanz" und 
„Latenz" der Erbeinheiten zu erklären (Zeitschr. Jahrg. II, S. 25). 



X. Bioanalytische Konsequenzen I_IQ 



noch fähig ist und wie viel unbewußtes Wissen in den 
naiven Überlieferungen des Folklore, der Märchen und 
Mythen und inbesondere in der üppig wuchernden Symbolik 
der Träume noch versteckt ist. 

So förderlich der einseitige Nützlichkeitsstandpunkt, der 
jetzt die ganze Naturwissenschaft beherrscht, für gewisse 
Disziplinen war (Technik), so sehr hinderte er den Zu- 
gang zur Erkenntnis tieferer biologischer Einsichten, zu der 
nun einmal kein Weg führt, der neben den mechanischen 
nicht auch die verschiedenen Lustmechanismen, deren eine 
Äußerung die Symbolik sein kann, berücksichtigt. 

Bei der Analyse der Genitalvorgänge mußten wir uns 
naturgemäß sehr viel mit den Fragen der organischen 
Entwicklung und Rückbildung beschäftigen, ja wir 
getrauten uns, eine neuartige Entwicklungstheorie einzu- 
schmuggeln, in der wir psychoanalytische Erfahrungen und 
Annahmen über die Entwicklungsprozesse im Seelischen 
einfach ins Biologische übertrugen. 1 Wir können nicht 
umhin, diesen Versuch wenigstens in den Grundzügen zu 

skizzieren. 

Entsprechend unseren früheren Folgeningen aus einer 
Untersuchung des „Wirklichkeitssinnes" und den eingehen- 
den Untersuchungen Freuds über das Triebleben gingen 
wir auch bei der Genitalent wicklung vom Standpunkte aus, 
daß immer nur ein äußerer Reiz, eine Not oder eine Kata- 
strophe die Lebewesen zu einer Änderung ihrer Tätigkeits- 
formen und ihrer Organisation gezwungen haben kann. Am 

i) Vgl dazu die Arbeit des Schweizer Biologen Brun über „Selektions- 
theorie und Lustprinzip" (Zeitschrift IX), der am Beispiel einer Ameisenart 
die Wirksamkeit des Lustpriiuips bei der Entwicklung schön aufzeigt 



120 Versuch einer Genitaltheorie 



Ausführlichsten beschäftigten wir uns mit der Anpassungs- 
leistung der Lebewesen nach einer der letzten geologischen 
Katastrophen, der Eintrocknung der Meere. Wir sagten, 
daß diese Wesen sich der neuen Situation allerdings an- 
paßten, aber sozusagen mit dem Hintergedanken, die alte 
Ruhesituation auch im neuen Milieu, sobald als möglich 
und so oft als möglich wiederherzustellen. 

Der Schlaf, die Begattung, aber auch schon die Ent- 
wicklung fruchtwasserhältiger Amnien und überhaupt die 
innere Befruchtung und intrauterine Entwicklung sind nach 
unserer Annahme lauter Einrichtungen zur Wiederauf- 
richtung jener anscheinend überwundenen Entwicklungs- 
periode. ' Welchem Analytiker kommt da nicht sofort die 
Ähnlichkeit dieses Prozesses mit der psychischen Ver- 
drängung und mit der Wiederkehr des Verdrängten 
in den Sinn. Diese Ähnlichkeit ist so groß, daß wir zugeben 
müssen, daß wir eigentlich diesen bei den Neurosen erlernten 
Dynamismus unbewußt zur Erklärung von Entwicklungs- 
schüben verwendet haben. Anstatt uns aber hiefür zu ent- 
schuldigen, schlagen wir vor, dies als eine legitime, wissen- 
schaftlich zu rechtfertigende Methode anzunehmen, in der 
Überzeugung, daß die konsequente Festhaltung dieses Ge- 
sichtspunktes die Entwicklungslehre nur bereichern kann. 
Wir glauben also, daß der Wunsch nach Wiederherstel- 
lung einer notgedrungen verlassenen Gleichgewichtsituation 
niemals vollkommen aufhört, sondern nur temporär bei 
Seite geschafft, von einer biologischen Zensur, die von 
den aktuellen Ich-Interes sen geschaffen wird, an der Reali- 

i) Daß ausnahmsweise auch Anamnien vorkommen, die sich begatten, 
ist allerdings ein Schönheitsfehler der ganzen „Genitaltheorie". 



X. Bioanalytische Konsequenzen 12 i 



sierung gehindert wird.' Es gibt also auch im Biologischen 
eine Modifikation des Lustprinzips, die wir auch hier 
Realitätsprinzip nennen könnten und es wird wohl auch 
hier so zugehen, wie wir das im Psychischen zu sehen 
gewohnt sind: dieselbe Kraft, die zur Regression drängt, 
wirkt, wenn sie daran von einer Zensurinstanz gehindert 
wird, progressiv — im Sinne der Anpassung und der Kom- 
plikation. 

Die erste Wirkung jeder äußeren Erschütterung wird wohl 
schlummernde Autotomietendenzen der Organismen (Todes- 
trieb) entfachen; die Elemente des Organischen wollen ja 
gewiß die Gelegenheit zum Sterben, die sich ihnen dar- 
bietet, nicht unbenutzt lassen. Wenn aber die Störung all- 
zu stürmisch, also traumatisch und nicht im allmählichen 
Tempo des seinerzeitigen Aufbaues erfolgt, so kommt es 
zu einer unvollkommenen ,, Entmischung" (Freud) des 
Organischen und die Elemente der beginnenden Auflösung 
werden zu Bausteinen einer Fortentwicklung, gleichwie die 
von Jacques L o e b mit Hilfe hypotonischen Seewassers 
künstlich befruchteten Seeigeleier an der Peripherie ab- 
sterben, der Cytolyse verfallen, dann aber aus den ab- 
gestorbenen Zellteilen eine Membran bilden, die vor wei- 
terem Zerfalle schützt, während unter der Fortwirkung 
des erhaltenen Stoßes das Zellinnere sich zu entfalten be- 



r) Ein schönes Beispiel der „organischen Zensur" liefert das Ver- 
halten gewisser winterschlafender Tiere. Ihr Körper kühlt beim Sinken 
der äußeren Temperatur immer mehr ab. Sinkt aber die Körpertemperatur 
unter eine gewisse Grenze, so kommt es zu plötzlicher Wärmeproduktion, 
die Regression zur Poikilothermie wird rückgängig gemacht und das Tier 
erwacht: aus dem Rückenmarktier wird wieder ein Gehirntier. 



122 Versuck eine?- Genilaltheorie 



ginnt.' Die Frage der Philosophen, wie wir uns solche Rege- 
neration und Fortentwicklung vorzustellen haben, läßt sich 
auch ohne Zuhilfenahme mystischer Vorstellungen beant- 
worten. Es mag sein, daß der darin sich äußernde „Altruis- 
mus" nur die geschickte Kombination von Elementaregoismen 
ist; es ist aber auch sehr gut möglich, daß der bereits erreicht 
gewesene Grad der Komplikation auf die Zerfallsprodukte 
im Sinne einer Regression wirkt oder wenigstens dazu 
beiträgt, daß es die Organismen mit dem Absterben nicht 
so eilig haben, sondern aus ihrem eigenen Detritus sich selbst 
wieder aufbauen, ja die vis a tergo, die sie bei der partiellen 
Zerstörung erhielten, zur Weiterentwicklung verwerten. 

Wie dem auch sei, die bioanalytische Auflassung der 
Entwicklungsvorgänge sieht überall nur Wünsche nach 
Wiederherstellung früherer Lebens- oder Todeszu- 
stände am Werke. Sie lernte von der psychoanalytischen 
Beobachtung der Hysterie, daß die psychische Macht des 
Wunsches auch im Organischen wirksam sei, daß ein 
Wunsch sich im Körper „materialisieren", den Körper 
nach seinem Vorstellungsbilde ummodeln kann. Wir haben 
keinen Grund auszuschließen, daß solche Wunschtendenzen 
auch außerhalb des Psychischen, also im biologischen Un- 
bewußten wirken, ja wir sind geneigt, anzunehmen und 
können uns dabei der Übereinstimmung mit Freud rüh- 
men, daß erst die Zuhilfenahme des Wunsches als Ent- 
wicklungsfaktor die Lamarck'sche Anpassungstheorie ver- 
ständlich macht. 



I) Die Einwirkung- des Spermium auf das Ei dürfte gleichfalls mit 
einer Zerstörung beginnen, deren regressive Richtung dann ins „Pro- 
gressive" umschlägt. 



X. Bioanalylische Konsequenzen 12 \ 

Um auf den Grundgedanken zurückzukommen: in der 
biologischen Schichtung der Organismen werden alle früheren 
Etappen irgendwie erhalten und durch Zensurwiderstände 
auseinander gehalten, so daß es auch beim lebenden Orga- 
nismus mit Hilfe einer analytischen Untersuchung gelingen 
müßte, aus dem aktuellen Verhalten und aktuellen Funktions- 
weisen die entferntesten Vergangenheiten zu rekonstruieren. 

Jedenfalls mußten wir es aber aufgeben, allzu komplexe 
Vorgänge als letzte Erklärungen der Entwicklung hinzu- 
nehmen. Wenn z. B. Lamarck den Gebrauch oder Nicht- 
gebrauch der Organe für die Fort- oder Rückbildung 
verantwortlich macht, so übersieht er, daß er das eigentliche 
Problem umgeht, die Frage nämlich, warum im Lebendigen 
der Gebrauch eines Organes nicht wie bei der anorganischen 
Maschine zur Abnützung, sondern zur Erstarkung führt, 
Erst die Beobachtungen, die wir bei der Hysterie und den 
Pathoneurosen ' machten, zeigen uns, wie unter dem Ein- 
fluß des Wunsches nach Wiederherstellung des gestörten 
Gleichgewichts, unter Einziehung anderer Besetzungen, eine 
überstarke Gegenbesetzung an der gestörten Körperpartie 
aufgerichtet wird, die einerseits als Schutz des übrigen 
Organismus vor der einwirkenden Schädlichkeit, anderer- 
seits als Kraftquelle zur Heilung und Regeneration sich 
betätigt. Auch bei chronisch störenden Einwirkungen auf 
die Organfunktionen könnte es so zugehen und wir hätten 
so in der hysterischen und pathoneurotischen Reaktions weise 
ein Vorbüd für die Energieverschiebungen bei jeder An- 
passungs- und Entwicklungsleistung. 



i) S. Hysterie und Pathoneurosen. Vom Verf. 191g. 



124 Versuch einer Genitaltheorie 



Es sei nur nebstbei bemerkt, daß bei der von uns 
postulierten Wiederkehr der verdrängten Lust in den not- 
gedrungen angenommenen, ja zu Triebenergien introjizierten 
Unlustmomenten vielleicht die eigentliche Erklärung der 
nach Spencer die Entwicklung beherrschenden Alterna- 
tive der Differenzierung und der Integrierung liegt. 
Die Not zwingt die Organismen zu Variationen; die ver- 
drängte Lust läßt sie immer wieder zur verlassenen Situation 
regredieren und letztere gleichsam ,, redintegrieren' '. 

Wahrscheinlich bemächtigt sich der Regressionstrieb bei 
der notgedrungenen Anpassung an eine neue Situation 
zunächst jener Organe und Funktionen, die durch die Ent- 
wicklung „beschäftigungslos" geworden sind. Es ist z. B. 
auffällig, daß bei allen geschwänzten Tieren (Hunden, 
Katzen etc.) die Schwanzwirbelsäule, die einstmals als Stütz- 
organ seither untergegangener Körpersegmente diente, zu 
einem Organ der Ausdrucksbewegungen wurde, von denen 
wir seit Darwin und Freud wissen, daß sie eigentlich 
als Regressionen zu archaischen Reaktionsweisen aufzufassen 
sind. In solchen und ähnlichen Schlupfwinkeln mag sich 
die regressive Tendenz zu Zeiten angestrengter Anpassung 
verstecken, um dann nach dem Überstehen der ärgsten 
Gefahren als formbildender Faktor neuerlich in Aktion zu 
treten. Anderseits ist auch dafür gesorgt, daß selbst die 
strengste Anpassungstätigkeit durch Intervalle der Ruhe perio- 
disch unterbrochen werde, in denen der ganze Organismus 
vorübergehend der Regression anheimfällt und seine Leistung 
sozusagen eine Ausdrucksbewegung wird (Schlaf, Begattung). 1 

i) Einige weitere „bioanalytische" Gesichtspunkte zur organischen 
Entwicklung seien hier kurz aneinander gereiht. Die Anpassung kann 



X, Bio analytische Konsequenzen 12 c 

Die Bioanalyse, die analytische Wissenschaft vom Leben, 
wird sich auch der Aufgabe nicht verschließen können, zur 

Frage vom Anfang und vom Ende des Lebens Stellung 



eine autoplastische oder eine alloplastische sein, im ersteren Falle wird 
die eigene Körperorganisation den veränderten Umständen angepaßt, 
im letzteren trachtet der Organismus die Außenwelt so zu verändern, 
daß die Körperangleichung überflüssig wird. Die alloplastische Ent- 
wicklungsart ist die „intelligentere", sie ist die spezifisch „menschliche", 
ist aber auch im Tierreiche sehr verbreitet (Nestbau!). Die Veränderung 
der Außenwelt ist eine viel raschere, als die der eigenen Organisation ; 
bei den Tierarten, die sich dazu aufschwingen, vermuten wir also bereits 
einen gewißen „Zeitsinn". Die Autoplastik kann rein regressiv sein 
(Einschränkung der Bedürfnisse, Rückfall auf primitivere Stufen), aber 
auch progressiv (Entfaltung neuer Organe). Die Entwicklung der Moti- 
lität (das Aufsuchen eines besseren Milieus) bringt Ersparnis an auto- 
plastischer Anpassungsleistung mit sich. (Döderlein'sches Prinzip: 
Parallelismus zwischen „Sessilität" (Festgewurzeltsein) und Variabilität 
einer-, „Vagilität" und geringerer Variabilität andererseits.) 

Die Anpassung kann in der Entwöhnung von Befriedigungsobjekten 
oder in der Angewöhnung neuer bestehen, d. h. in der Umwandlung 
der (zunächst immer unlustvollen) Störung in eine Befriedigung. Dies 
pc schieht durch Identifizierung mit dem Störungsreiz und Introjektion 
desselben; so wird aus einer Störung gleichsam ein Teil des Ich (ein 
Trieb) und so wird die Innenwelt (Mikrokosmos) ein Spiegelbild der 
Umwelt und ihrer Katastrophen. 

Die neugeschaffenen Organe resp. Organfunktionen überlagern nur 
die alten ohne sie zu zerstören; auch wenn sie ihre Materie verwerten, 
bleibt die anscheinend verlassene Organisation resp. Funktion „virtuell", 
biologisch unbewußt" erhalten und kann unter Umständen wieder 
aktiv werden. Solche Überlagerungen sind Hemmungsvorrichtungen 
vergleichbar; die primitive allgemeine „Irritabilität" z. B. wird durch 
die bereits gerichtete Reflexerregbarkeit und diese durch die psychische 
Wahlreaktion überlagert; in pathologischen oder sonstigen Ausnahme- 
zuständen (Tiefhypnose, Fakirleistungen) stellt aber die Psyche ihre 
Funktion ein und der Organismus regrediert auf die Stufe der Reflex- 
erregbarkeit oder gar auf die der Irritabilität. 



126 Versuch einer Genitaltheorie 



zu nehmen. Die Genitaltheorie war ja, wie wir sahen, ge- 
zwungen, beim Forschen nach den letzten Gründen der 
sexuellen Attraktion über die Grenze des Lebendigen hinaus 
zu gehen und auch Freud sieht in den Äußerungen der 
chemisch-physikalischen Attraktion Analoga desselben pla- 
tonischen Eros, der alles Lebendige zusammenhält. Und 
in der Tat erzählen uns die Physiker, daß in der schein- 
bar ,, toten" Materie intensive Bewegung, also immerhin 
ein wenn auch minder labiles „Leben" herrscht. Von einem 
wirklichen Tode, von absoluter Ruhe, sprechen die Physiker 
höchstens theoretisch, indem sie sagen, daß alle Energie der 
Welt auf Grund des Zweiten thermodynamischen Gesetzes 
zum Tode durch Zerstreuung verurteilt ist. Doch schon 
rinden sich Naturforscher,' die uns sagen, daß die zer- 
streuten Energien, wenn auch nach langen, langen Zeiträumen, 
sich wieder zusammenballen müssen. Diese Auffassung ist 
etwa dem Selektionsprinzip Darwins an die Seite zu stellen, 
nach dem alle Änderung nur dem Zufalle zugeschrieben, und 
immanenten Tendenzen sozusagen gar nichts zugetraut wird. 3 

i) Nernst, Das Weltgebäude im Lichte der neueren Forschung. 1921. 

2) Entschließt man sich einmal dazu, anzunehmen, daß schon in 
den anorganischen Einheiten jene „Erregbarkeit" irgendwie vorgebildet 
ist, die wir als Eigenschaft des Lebenden kennen, so kann man sich 
eine Vorstellung davon machen, was die Attraktion dieser Elemente 
motivieren könnte. Die Vereinigung zweier Elemente zu einer Einheit 
hätte allenfalls den Vorteil, daß die so aneinander gelehnten Teile der 
feindlichen Außenwelt eine viel kleinere Oberfläche zuwendeten, als 
solange sie isoliert waren, womit eine „Ersparnis an Aufwand" und die 
erste „Lust" gegeben wäre. Etwas davon könnte auch noch bei der 
Begattung (l'animal a dem dos) zum Ausdruck kommen. Auch Böl sehe 
vergleicht gelegentlich die Attraktion zwischen Sonne und Erde mit 
der sexuellen Anziehung. 



X. Bio analytische Konsequenzen 127 



Für uns aber, die wir ja wie gesagt dem mehr animi- 
stischen Entwicklungsgedanken Lamarck's zuneigen, ist es 
plausibler anzunehmen, daß es eine vollkommene Ent- 
mischung der Lebens- und Todestriebe überhaupt nicht 
gibt, daß es selbst in der sogenannten „toten" Materie, 
also im Anorganischen, noch „Lebenskeime" gibt und damit 
auch Regressionstendenzen zu jener höheren Komplikation, 
aus deren Zerfall sie entstanden sind. Daß es ein absolutes 
Leben ohne Beimengung von Symptomen des Sterbens 
nicht gibt, hat ja die Naturwissenschaft schon lange be- 
hauptet, und erst vor Kurzem hat Freud die Wirksamkeit 
der Todestriebe bei allem Lebendigen nachgewiesen. „Das 
Ziel alles Lebens ist der Tod" denn „das Leblose 
war früher da, als das Lebendige." Wie denn aber, 
wenn das „Sterben" kein Absolutes wäre, wenn sich Lebens- 
keime und Regressionstendenzen auch noch im Anorgani- 
schen versteckten oder wenn gar auch Nietzsche recht 
hätte, der da sagt: „Alle unorganische Materie ist aus 
organischer entstanden, es ist tote organische Ma- 
terie. Leichnam und Mensch." 1 Dann müßten wir die 
Frage nach Anfang und Ende des Lebens endgültig fallen 
lassen und uns die ganze anorganische und organische Welt 
als ein stetes Hin- und Herwogen zwischen Leben- und 
Sterbenwollen vorstellen, in dem es niemals zur Alleinherr- 
schaft, weder des Lebens noch des Sterbens, kommt. 

Uns Ärzten zeigt die „Agonie", wie schon der Name 
besagt, sozusagen niemals ein friedliches Antlitz. Auch der 
des Lebens kaum mehr fähige Organismus endigt gewöhn- 

1) Nietasche, Taschenausgabe Bd. I. S. 499. „Die Philosopie im trag. 
Zeitalter der Griechen." (Entwürfe zur Fortsetzung, Anfang 1873.) 



128 Versuch einer Genitattheorie 



lieh mit einem Todeskampfe; vielleicht gibt es einen „natür- 
lichen", sanften Tod, eine ungestörte Äußerung des Todes- 
triebes nur in unseren vom Todestrieb beherrschten Wunsch- 
vorstellungen, in der Wirklichkeit scheint das Leben immer 
katastrophal enden zu müssen, wie es mit einer Katastrophe, 
der Geburt, seinen Anfang nahm. Es hat sogar den An- 
schein, als ob in den Symptomen des Todeskampfes regressive 
Züge zu entdecken wären, die das Sterben zu einer Nach- 
bildung des Geborenwerdens und dadurch weniger qualvoll 
gestalten möchten. 1 Erst unmittelbar vor den letzten Atem- 
zügen, manchmal allerdings schon etwas früher, kommt es 
zu einer vollen Resignation, ja zu Äußerungen der Befriedi- 
gung, die das endliche Erreichen der vollen Ruhesituation, 
etwa wie im Orgasmus nach der geschlechtlichen Kampf- 
handlung, ankündigen. Der Tod weist ähnliche Züge der 
Mutterleibsregression auf, wie der Schlaf und die Begattung. 
Nicht umsonst bestatten viele Primitive ihre Toten in der 
embryonal-hockenden Stellung und auch das Zusammen- 
fallen des Todes und der Geburtssymbolik in Träumen und 
Mythen können wir nicht für einen Zufall halten. 

Wir sind damit zu unserem Ausgangspunkte zurück- 
gekehrt, zur zentralen Bedeutung der Mutterleibsregression 
für die Genitaltheorie, und wie wir nun hinzufügen möchten, 
für die Biologie überhaupt. 



i) Die Verknüpfung der Todesangst mit Genitalerregung ist bekannt 
(S. die Ejakulation Gehenkter, die „Angstlust" v. Hattingberg's, den 
Galgenhumor der sich in sovielen Anekdoten äußert usw.) 



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